https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buchmesse/eroeffnung-der-frankfurter-buchmesse-mit-olga-tokarczuk-16434853.html

Eröffnung der Buchmesse : Immer schön die Füße auf dem Boden lassen

Buchmessen-Direktor Jürgen Boos, Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk und ihre Übersetzerin bei der Eröffnung der Buchmesse Bild: Frank Röth

Was wird aus unserer Lesekultur in Zeiten des Wandels? Und was sagt Olga Tokarczuk über die Selbstzensur ihrer Kollegen? Bei der Eröffnung der Buchmesse geht es ums große Ganze.

          2 Min.

          Am Mittag stehen auf dem Gelände noch die Lastwagen ineinander verkeilt, und wenn man sich nicht vorsieht, rauscht ein Gabelstapler um die Ecke, denn jetzt muss alles schnell gehen, noch an diesem Nachmittag wird die Buchmesse fertig, am Abend ist Eröffnungsfeier. Dann kommt Mette-Marit, die Kronprinzessin des Gastlandlandes Norwegen, mit dem Zug und neunzehn norwegischen Autoren (wenngleich man hört, sie sei erkältet), und spätestens dann muss Frankfurt strahlen. Aber es gibt schon vorher Grund, durch die Baustelle zu steigen und sich mit all den anderen Neugierigen in das weiße Ei auf dem Messeplatz zu drängen, denn im Frankfurt Pavilion spricht zur Eröffnung die Nobelpreisträgerin, und mit ihr einige Herren in Anzügen.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          Olga Tokarczuk hat ihre Lesereise durch Deutschland unterbrochen, nachdem man sie auf einer Autobahnraststätte hinter Berlin darüber in Kenntnis gesetzt hatte, sie sei nun Nobelpreistägerin, und sie in Bielefeld mit Pauken und Trompeten empfangen worden war. Aber bevor sie, einen Schal um die Schultern gelegt und aufmerksam in die Runde blickend, davon berichten darf, muss noch Zeit sein für den Statusbericht, die Selbstversicherung der Branche, die jede Buchmesse braucht und die ein paar Wochen nach der vermurksten IAA an ebendiesem Ort auch sehr willkommen ist: Wir bemühen uns, wir gehören zusammen, wir stehen für das Gute.

          Die Verlage behaupten sich

          Bei Jürgen Boos, dem Direktor der Frankfurter Buchmesse, klingt es nach einer Mischung aus Zuversicht und Selbstkritik, wenn er Margot Atwell, die Verlagsleiterin der Crowdfunding-Plattform Kickstarter zitiert: Diversität, Dezentralisierung und Diversifizierung gehörten jetzt zu den zentralen Aufgaben der Verlagsbranche, die „in Sachen Innovation einen Crashkurs hinter sich“ habe. Braucht in einer Welt im Umbruch überhaupt noch jemand Buchmessen? Irgendwie schon. Jedenfalls braucht es Autoren, die Widerstand üben und Missstände anprangern, und natürlich Verlage, Übersetzer, Buchhandlungen und Bibliotheken, die deren Texte verbreiten. Und Heinrich Riethmüller, der noch eine Woche lang Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ist, steht ihm bei, erinnert an politisch Verfolgte wie den türkischen Verleger Ragip Zarakolu im schwedischen Exil und den verschleppten Hongkonger Verleger Gui Minahi. Wann immer es ums große Ganze gehe, sei die Buchbranche gefragt. Die in diesem Jahr gestiegenen Umsätze bei den Sachbüchern bewiesen doch, dass die Menschen in Büchern nach Antworten suchten. Ja, die Medienkonkurrenz wächst. Aber die Verlage behaupten sich.

          Dann wollen aber wirklich alle wissen, was Tokarczuk zu sagen hat. Sicherheitshalber hat es Boos schon vorher klargestellt: Die Kontroverse um den zweiten Preisträger Peter Handke sei eine eigene Veranstaltung wert. Nun gehe es schließlich darum, die polnische Schriftstellerin zu feiern. Dagegen hat auch Tokarczuk nichts, die für ihren Ko-Preisträger dennoch einen schönen Satz vorgesehen hat: „Ich möchte Peter Handke aufs Herzlichste gratulieren und zugleich die Überzeugung zum Ausdruck bringen, dass wir den Boden unter den Füßen behalten werden.“ Um dann von ihrem Empfang in Deutschland zu erzählen („In diesem Zustand erreichte ich Bielefeld“), damit gleich klar ist: Es geht ihr um Menschen, nicht um Gräben, und um die Verbindung zwischen diesen Menschen und ihrer  Literatur.

          Auch wenn ihre Meinung zur Wahl in Polen deutlich ausfällt - nicht begeistert, aber dankbar über die neue Zusammensetzung des Parlaments: Olga Tokarczuk zeigt an diesem Eröffnungstag des Buchmesse ihre Freude über die Begeisterung der Polen über ihre Auszeichnung. Womöglich, so überlegt sie, habe ein „Teil der Begeisterung dazu beigetragen, die Wähler mit Energie aufzuladen, als sie zu den Urnen gingen“. Dann spricht sie von der Hoffnung auf eine offene Gesellschaft, vom wichtigen Verhältnis zu den Schwachen und Ausgeschlossenen, erinnert an die beunruhigenden Versuche der polnischen Regierung, Kontrolle über Kultureinrichtungen zu übernehmen. Und äußert ihre Angst vor der Selbstzensur von Autoren. „Bisweilen frage ich mich, ob es überhaupt möglich ist, diese Welt zu beschreiben – oder ob wir hilflos dem Schwinden von Orientierungspunkten gegenüberstehen.“ Es ist der erste lyrische Moment der Messe.

          Weitere Themen

          Der Kampf um Anerkennung scheint nie zu enden

          Aby Warburgs Briefe : Der Kampf um Anerkennung scheint nie zu enden

          Vom Indizienbeweis zum göttlichen Detail: Eine Edition präsentiert Aby Warburg in seinen Briefen. Deren Lektüre ist auch dazu angetan, manch liebgewordene Vorstellung über den Kunsthistoriker ins Wanken zu bringen.

          Klaas Heufer-Umlauf schmeißt die Party

          „Mein zweites Standbein“ : Klaas Heufer-Umlauf schmeißt die Party

          Auf dem Münchner Filmfest feiert die „neue deutsche filmgesellschaft“ (ndf) ihr 75-jähriges Bestehen. Die Fantastischen 4 treten auf und Klaas Heufer-Umlauf legt den ndf-Chef Matthias Walther auf den Grill. Und verrät, warum er im ZDF vor allem den „Bergdoktor“ schätzt.

          Topmeldungen

          Manfred Knof im Februar 2020

          Manfred Knof im Interview : „Beim Umbau der Commerzbank quietscht es“

          Gleichzeitig Personal abbauen und die IT aufbauen sei anspruchsvoll, sagt der Vorstandsvorsitzende Manfred Knof im Interview mit der F.A.Z. Er fordert dauerhaft höhere Zinsen. Und er will Kreditkunden ohne Nachhaltigkeitsstrategie den Laufpass geben.
          Wollen in dem Film „Mutter“ nicht  nur Einzelschicksale ­zeigen: Anke Engelke und  Regisseurin ­Carolin Schmitz, die wegen Corona über den Laptop zugeschaltet ist.

          Über das Mütterdasein : „Aus der Nummer kommt man nicht mehr raus“

          Der Film „Mutter“ erzählt von allem Schönen und Schweren, was Mutterschaft ausmacht. Ein Gespräch mit Anke Engelke und der Regisseurin Carolin Schmitz über Mütter, Verantwortung, Bedürfnisse – und die Liebe zum Bügeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.