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Eröffnung der Buchmesse : Immer schön die Füße auf dem Boden lassen

Buchmessen-Direktor Jürgen Boos, Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk und ihre Übersetzerin bei der Eröffnung der Buchmesse Bild: Frank Röth

Was wird aus unserer Lesekultur in Zeiten des Wandels? Und was sagt Olga Tokarczuk über die Selbstzensur ihrer Kollegen? Bei der Eröffnung der Buchmesse geht es ums große Ganze.

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          Am Mittag stehen auf dem Gelände noch die Lastwagen ineinander verkeilt, und wenn man sich nicht vorsieht, rauscht ein Gabelstapler um die Ecke, denn jetzt muss alles schnell gehen, noch an diesem Nachmittag wird die Buchmesse fertig, am Abend ist Eröffnungsfeier. Dann kommt Mette-Marit, die Kronprinzessin des Gastlandlandes Norwegen, mit dem Zug und neunzehn norwegischen Autoren (wenngleich man hört, sie sei erkältet), und spätestens dann muss Frankfurt strahlen. Aber es gibt schon vorher Grund, durch die Baustelle zu steigen und sich mit all den anderen Neugierigen in das weiße Ei auf dem Messeplatz zu drängen, denn im Frankfurt Pavilion spricht zur Eröffnung die Nobelpreisträgerin, und mit ihr einige Herren in Anzügen.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Olga Tokarczuk hat ihre Lesereise durch Deutschland unterbrochen, nachdem man sie auf einer Autobahnraststätte hinter Berlin darüber in Kenntnis gesetzt hatte, sie sei nun Nobelpreistägerin, und sie in Bielefeld mit Pauken und Trompeten empfangen worden war. Aber bevor sie, einen Schal um die Schultern gelegt und aufmerksam in die Runde blickend, davon berichten darf, muss noch Zeit sein für den Statusbericht, die Selbstversicherung der Branche, die jede Buchmesse braucht und die ein paar Wochen nach der vermurksten IAA an ebendiesem Ort auch sehr willkommen ist: Wir bemühen uns, wir gehören zusammen, wir stehen für das Gute.

          Die Verlage behaupten sich

          Bei Jürgen Boos, dem Direktor der Frankfurter Buchmesse, klingt es nach einer Mischung aus Zuversicht und Selbstkritik, wenn er Margot Atwell, die Verlagsleiterin der Crowdfunding-Plattform Kickstarter zitiert: Diversität, Dezentralisierung und Diversifizierung gehörten jetzt zu den zentralen Aufgaben der Verlagsbranche, die „in Sachen Innovation einen Crashkurs hinter sich“ habe. Braucht in einer Welt im Umbruch überhaupt noch jemand Buchmessen? Irgendwie schon. Jedenfalls braucht es Autoren, die Widerstand üben und Missstände anprangern, und natürlich Verlage, Übersetzer, Buchhandlungen und Bibliotheken, die deren Texte verbreiten. Und Heinrich Riethmüller, der noch eine Woche lang Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ist, steht ihm bei, erinnert an politisch Verfolgte wie den türkischen Verleger Ragip Zarakolu im schwedischen Exil und den verschleppten Hongkonger Verleger Gui Minahi. Wann immer es ums große Ganze gehe, sei die Buchbranche gefragt. Die in diesem Jahr gestiegenen Umsätze bei den Sachbüchern bewiesen doch, dass die Menschen in Büchern nach Antworten suchten. Ja, die Medienkonkurrenz wächst. Aber die Verlage behaupten sich.

          Dann wollen aber wirklich alle wissen, was Tokarczuk zu sagen hat. Sicherheitshalber hat es Boos schon vorher klargestellt: Die Kontroverse um den zweiten Preisträger Peter Handke sei eine eigene Veranstaltung wert. Nun gehe es schließlich darum, die polnische Schriftstellerin zu feiern. Dagegen hat auch Tokarczuk nichts, die für ihren Ko-Preisträger dennoch einen schönen Satz vorgesehen hat: „Ich möchte Peter Handke aufs Herzlichste gratulieren und zugleich die Überzeugung zum Ausdruck bringen, dass wir den Boden unter den Füßen behalten werden.“ Um dann von ihrem Empfang in Deutschland zu erzählen („In diesem Zustand erreichte ich Bielefeld“), damit gleich klar ist: Es geht ihr um Menschen, nicht um Gräben, und um die Verbindung zwischen diesen Menschen und ihrer  Literatur.

          Auch wenn ihre Meinung zur Wahl in Polen deutlich ausfällt - nicht begeistert, aber dankbar über die neue Zusammensetzung des Parlaments: Olga Tokarczuk zeigt an diesem Eröffnungstag des Buchmesse ihre Freude über die Begeisterung der Polen über ihre Auszeichnung. Womöglich, so überlegt sie, habe ein „Teil der Begeisterung dazu beigetragen, die Wähler mit Energie aufzuladen, als sie zu den Urnen gingen“. Dann spricht sie von der Hoffnung auf eine offene Gesellschaft, vom wichtigen Verhältnis zu den Schwachen und Ausgeschlossenen, erinnert an die beunruhigenden Versuche der polnischen Regierung, Kontrolle über Kultureinrichtungen zu übernehmen. Und äußert ihre Angst vor der Selbstzensur von Autoren. „Bisweilen frage ich mich, ob es überhaupt möglich ist, diese Welt zu beschreiben – oder ob wir hilflos dem Schwinden von Orientierungspunkten gegenüberstehen.“ Es ist der erste lyrische Moment der Messe.

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