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Buchmesse-Skizzen : Adieu la France

  • Aktualisiert am

Bücherstapel zur Buchmesse in der Frankfurter Festhalle Bild: Arne Dedert/dpa

Man denkt an Brecht und meint Bernhard zu hören, die University Presses machen sich rar, und der Gemeinschaftsstand eines Nachbarlandes gibt seine Sprache auf: Eindrücke von der Buchmesse.

          2 Min.

          Verbindende Dinge

          Diese Messe erinnert an Brechts episches Theater, bei dem man die Kulissen sehen kann. Man nimmt eine falsche Tür und ist plötzlich auf der riesigen Hinterbühne einer Halle voller unbenötigter Absperrgitter. Auch auf der Vorderbühne glaubt man überall Zeichen zu sehen: Am Stand eines Reisebuchverlags prangt das große Plakat eines Flugzeugs über Berglandschaft, darauf steht: „Boeing 747 – Farewell to a Giant“. Jenny Erpenbeck spricht bei einer Moderation über Dinge, die verschwinden. Dann erzählt ein Verleger, der voller Überzeugung und Optimismus wieder einen Stand gebucht hat, von Verschwundenem: Nicht etwa Bücher, sondern zwei Flaschen Zaubertrank sind über Nacht aus dem Schrank entwendet worden. Ein Fernsehteam filmt leere Rolltreppen. Aber solches Bewusstsein muss nicht schaden, nicht der Kunst und nicht dem Betrieb.

          Man macht sich ehrlich und sagt vielleicht mit ganz unbrechtianischem Optimismus: „Let’s build back better.“ Zumal der Tag ja noch nicht vorbei ist – man hatte die Rechnung ohne die Österreicher gemacht! Sie waren so mutig, eine ordentliche Party zu organisieren. Der Hauptverband ihres Buchhandels lud ins Städel-Museum. Und dort sagte dessen Chef Philipp Demandt, nachdem er von den Härten der Corona-Politik für Kultureinrichtungen sprach, dann den Satz, den die große Rembrandt-Ausstellung in seinem Haus gerade möglich macht: „Die Besucher sind wieder da.“ Das lässt auch für die Messe hoffen. (wiel.)

          Überhaupt

          Wer wissen will, welcher Autor am prominentesten auf der Buchmesse vertreten ist, begebe sich auf die sogenannte Terrazza (vulgo: Balkon) und lausche den Gesprächen. „Furchtbar hier. So etwas habe ich ja noch nie erlebt. Das ist die Wahrheit“, sagt sie. Er besuche immer den Stand von Verlag X, sagt er, lasse sich aber nie bei Y blicken. Y veröffentliche einzig und allein „Stumpfsinn“. Die beiden, eindeutig Abgesandte Thomas Bernhards, machen mit fast jeder Äußerung klar, dass ihr höchstes Gut die Ausschließlichkeit darstellt.

          Nach demselben Prinzip kommuniziert interessanterweise auch das Nachbargrüppchen. „Die große Rolltreppe funktioniert nie, deswegen nehme ich immer die Treppe, niemals die Rolltreppe.“ Highlight und, so muss man vermuten, eine bewusste Vorbeugung: „Die Literatur ist das Beste und Fürchterlichste überhaupt.“ Sagt ein Mann, der ausgerechnet Claus Peymann nicht unähnlich sieht. Das könnte aber auch Einbildung sein. (span.)

          Transatlantisches

          Der Redakteur, den es wie noch in seinen Jahren als Lektor zu den amerikanischen University Presses zieht, muss zwar in den luftigen Verhältnissen der Halle nicht lange suchen. Aber er findet bloß einen Stand, den sich Princeton, California und Columbia teilen. Da war also nichts mehr zusammenzurücken zu jener kleinen, sehr lebendigen akademischen Enklave, in der jeder jeden kannte.

          Zugegeben, klar war einem ja nicht, was in Zeiten des Internets die zwingenden Gründe sein sollten, bei den Rightsmanagern seine halben Stunden zu buchen. Aber hier zumindest, bei Gretchen und John, Stephanie und Pamela, konnte man sich gut unterhalten, und nicht unbedingt über Bücher. Weshalb man ihre Nachfolger jetzt doch vermisst und sich die Frage vorlegt, ob sie eigentlich gern nach Frankfurt gekommen wären. Vielleicht bringt das nächste Jahr darauf eine Antwort. (hmay.)

          Adieu la France

          Die durch Kontrollen verursachten Schlangen vorm Haupteingang zum Messegelände am Eröffnungstag haben rasch für eine Verlagerung des Fachbesucher-, nun ja: -rinnsals zum zweiten Einlass am Westrand des Areals gesorgt, der am Mittwoch noch ohne großen Aufenthalt passiert werden konnte. Vorbei. Nun kann man bei Betreten von Halle 4.1 in der dortigen Warteschlange schon einmal in Ruhe den ersten Messestand hinter der Kontrolle ins Auge nehmen: den französischen Gemeinschaftsstand.

          Und wie ist er beschriftet? Mit „Choose France“. Denn es handelt sich um – nächste Aufschrift – den „French Pavillion“. Gut, die dort ausgestellten Bücher sind alle noch auf Französisch, aber wenn unser sprachbewusstes Nachbarland sich kein „Choisir la France“ mehr traut, dann adieu, Sprachenvielfalt. Oder wie es heute wohl heißen muss: good-bye. (apl.)

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