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Buchmesse-Thema Urbanität : Wie wir leben möchten

Vorbereitungen zum großen Auftritt: Proben am Dienstag im Ehrengast-Pavillon auf der Buchmesse Bild: Picture-Alliance

Wie möchten wir später leben? Was Journalisten, Autoren und Veranstalter auf der Buchmesse zur Zukunft der Urbanität zu sagen haben.

          2 Min.

          Man hat sich ein Motto für diese Buchmesse gewünscht, ein Art inoffiziellen Slogan, der beschreibt, wo es in diesen Zeiten mit der Branche und dem Lesen hingeht, einen Schlachtruf. Im letzten Jahr stand alles unter dem Eindruck des Kampfs ums Wahrgenommenwerden und Überleben der Verlage, um klare Positionen gegen Ketzer, ums Zusammenstehen. Dieses Jahr ist da mehr Zuversicht, ein Trend zum Anpacken und Bessermachen, aber dazu später und woanders mehr. Für das Autorenpaar Christina Horsten und Felix Zeltner ist das Motto dieser Messe „Wie möchten wir leben?“, jedenfalls fragen sie prominente Autoren danach und sammeln auf einem Rundgang durch die Messe vor einer ganzen Reihe von Zuhörern Antworten.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nicht, dass es besonders wünschenswert wäre, in einer Karawane durch Messenhallen voller menschlicher und kantiger Hindernisse geschoben zu werden, vorbei an Leuten, die man wahrscheinlich kennen sollte und Büchern, die man längst lesen wollte, aber es gibt Kopfhörer, die das Gesumme aussperren, und man sitzt ja sonst so viel herum. Also Auftritt des ersten Spaziergang-Begleiters: Ulrich Wickert, bekannt aus Film und Fernsehen, überragt alle. Er hat ein Buch über die Suche nach einem neuen Heimatgefühl geschrieben, es heißt „Identifiziert euch“ und steht bei Piper, weshalb der Spaziergang quer durch die Halle dorthin führt.

          Weniger satt, weniger abgeklärt

          Zeltner also fragt, wie Wickert in was für einem Deutschland leben will, der sagt, man solle sich nicht fragen, was sein Land für einen tun könne, sondern selbst aktiv werden, und dann erzählt er von seinem ersten Artikel mit vierzehn Jahren und einem Kinderbuchprojekt mit seinen Kindern. Was die größte Veränderung in der Gesellschaft hinsichtlich seines Blicks auf die Zukunft sei, will Zeltner von Wickert wissen, und der findet: dass wir mehr darüber nachdenken. Das sei aber auch in Ordnung so. Und während man Wickerts Stimme, die an vergangene „Tagesthemen“ und Familienabende auf dem Sofa erinnert, weiter zuhören will, wie sie vom Hunger in der Welt auf die Notwendigkeit von Visionen kommt, während man sich noch behaglich aufgehoben fühlt, ist die Karawane schon beim Piper-Stand angelangt und Wickert winkt zum Abschied.

          Bei Hanser wartet Emilia Smechowski, Autorin, Journalistin und Reporterpreisträgerin. Sie erzählt von den Großstädten in Polen, ihrem Geburtsland, und davon, dass sie ihr weniger satt erscheinen als die deutschen, weniger abgeklärt, und dass sie das an ihnen mag. Es geht nach draußen, kurz strahlt die Sonne hinter dem Gastland-Norwegen-Banner an Halle 4 auf, und Smechowski schlendert und sagt, wie wichtig sie es findet, miteinander im Gespräch zu bleiben. Für die Zukunft ihrer beiden Länder wünscht sie sich mehr Austausch und Verständnis, mehr Andere-Aushalten. Und für Ihre Tochter einen „breiten Weg“ – ohne die ständige Angst, daneben zu treten, und ohne Rechtfertigungsdruck.

          Bester Ersatz

          Irgendwo auf der Rolltreppe zwischen Unterhaltungs- und Fachliteratur verläuft man sich dann, steht ein bisschen konfus herum und freut sich, als die Tourleitung ihren nächsten Gesprächspartner, den Vize-Geschäftsführer der Messe Holger Volland, gefunden hat und neue Ansagen macht. Es geht in einen düsteren, von Lichtinstallationen der Offenbacher Hochschule für Gestaltung durchzuckten Raum. Volland ist guter Laune, alles läuft, und er darf erfreuliche Zahlen zitieren. Und auch wenn er nicht sagen kann, wie er in Zukunft leben will, so weiß er doch, was die Buchmesse der IAA und der Cebit voraus hat, nämlich dass „das Buch eigentlich kein Produkt ist, sondern ein Inhalt“, dass dahinter Köpfe stehen und kein Blech und das Interesse an Menschen einfach alles andere schlägt. „Ich habe großes Vertrauen, dass es uns weiter gut gehen wird.“

          Nach dieser erfreulichen Botschaft laden die beiden Moderatoren, die eigentlich in New York leben, ein Buch über die Wohnungslage dort und ihre Odyssee durch die Wohnzimmer von Freunden geschrieben haben und somit prädestiniert für das Zukunftsthema waren, zu einer Abschlusslimonade am Stand des Benevento-Verlags. So viel Zuversicht, stellt eine Frau mit Schal fest, war lange nicht mehr. Trotz der Sache mit dem Hunger in der Welt. Dann löst sich die Spaziergruppe auf. Draußen in der Sonne vor der Halle sitzen zwei Jungs und rauchen. „Und, was meinst du?“, fragt der eine. Darauf der andere: „Bester Ersatz für die Cebit.“

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