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Yasmina Reza im Gespräch : Flüchtiges Porträt einer untreuen Leserin

  • -Aktualisiert am

„Es kommt vor, dass ich ein Buch zu einem bestimmten Zeitpunkt sehr liebe und es mir später gleichgültig ist“: die Schriftstellerin Yasmina Reza. Bild: Fedephoto / StudioX

Yasmina Reza sagt von sich selbst: „Die Literatur hat mir nichts beigebracht, oder: sie hat mir alles beigebracht“. Im F.A.Z.-Interview spricht die Schriftstellerin über die Lektüren ihres Lebens – und eine unverständliche Algebra-Aufgabe.

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          Yasmina Reza, Sie sprechen sehr selten über die Bücher, die Sie lesen. Warum?

          Ein Gespräch über Bücher ist für mich ein Privatgespräch. Jemandem zu verraten, was man liest, ist intim. Es sagt viel über Sie aus, erzählt von Ihnen auf sehr unterschiedliche Weise. Die Bibliothek von jemandem ist, wenn Sie so wollen, eine Art Porträt. Und Sie wissen, dass ich nicht gerne porträtiert werde... Da ist aber noch etwas anderes: Wenn ich Schwarz auf Weiß geschrieben sehe, dass ich ein bestimmtes Buch mag, kann das bei mir sofort dazu führen, dass ich es nicht mehr mag. Ich glaube, ich will keine Liebe verbindlich machen, von der ich weiß, dass sie flüchtig sein kann und es oft war. Es kommt vor, dass ich ein Buch zu einem bestimmten Zeitpunkt sehr liebe und es mir später gleichgültig ist. Ich bin, wenn es um Literatur geht, ziemlich untreu, nichts ist endgültig.

          Haben Sie ein Beispiel für so ein Buch, dass Sie geliebt und dann fallengelassen haben?

          Davon gibt es viele. Die meisten sind nicht wichtig. Aber in bestimmten Fällen konnte mich eine erneute Lektüre verärgern. Dostojewskij zum Beispiel ist in meiner Jugend eine meiner großen Leidenschaften gewesen, er war für mich wirklich grundlegend. Als die französischen Übersetzungen von Markowicz erschienen sind, habe ich beschlossen, den „Spieler“ wiederzulesen. Und ich habe mich gelangweilt; es sagte mir nichts mehr. Das hatte nichts mit der Übersetzung zu tun, ich habe mir die alte wieder vorgenommen, und sie kam mir völlig belanglos vor. Beim „Idioten“ war das genauso. Daraufhin habe ich es nicht gewagt, auch „Der ewige Ehemann“ wieder in die Hand zu nehmen, das mir von allen das liebste war. Natürlich hatte sich nicht das Buch verändert, sondern ich mich, so als ob ich damals, als ich das Buch las, seine ganze für mich brauchbare Substanz aufgesogen hätte und es nun nicht mehr brauchte. Ich glaube, dass man zu Büchern auch ein zweckorientiertes, ein organisches Verhältnis hat.

          Gibt es denn auch Autoren, denen Sie immer treu waren?

          Borges. Ich liebe seine Welt, ich liebe seinen Geist, ich liebe seine Gedichte und seine Erzählungen. Er ist kein Schriftsteller, der psychologisiert; er ist letzten Endes nur an Mythen interessiert, von den kleinsten bis hin zu den großen. Er ist ein Gott für mich. Auf der anderen Seite ist da Thomas Bernhard, der für mich wie ein Freund für immer ist. Ich kann irgendeine Seite von ihm aufschlagen, und ich weiß, dass ich, in heimlichem Einverständnis mit seiner Böswilligkeit, seinen Übertreibungen, seinen Obsessionen, immer wieder lachen und ihn aufs Neue für seine Intelligenz bewundern werde.

          Gibt es auch Werke, in die Sie nie richtig reingekommen sind?

          Proust. Ich habe es durch alle möglichen Türen versucht. Bestimmt zehn meiner Freunde haben mich im Lauf meines Lebens aufgefordert, es noch mal zu versuchen, mal mit dem Anfang zu beginnen, dann mit anderen Stellen von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“...Ich habe es nicht geschafft. Es ist erstaunlich, denn wenn ich Ausschnitte von Proust höre, finde ich ihn fulminant; aber die Kontinuität langweilt mich. Und es gibt auch Bücher – ich wage es kaum zu sagen –, die mein Gehirn nicht versteht, wie wenn es sich einer Algebra-Aufgabe verweigerte. Zum Beispiel Virginia Woolf. Ich verstehe nicht, wovon sie spricht: Ich lese ein paar Seiten, ich weiß nicht, wer wer ist, wo ich bin, um welche Welt es sich handelt...Es bleibt für mich unentzifferbar.

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