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Frankfurter Buchmesse : Wissen ist machbar, Herr Nachbar

  • -Aktualisiert am

Flandern und die Niederlande sind Ehrengast auf der diesjährigen Buchmesse Bild: dpa

Der Gastlandauftritt der Niederlande und Flanderns auf der Buchmesse erschließt den deutschen Lesern neue Welten. In den Niederlanden selbst hingegen wird die eigene Sprache oftmals vernachlässigt.

          Es klingt fast unglaublich, aber wie der damalige Hanser-Lektor Christoph Buchwald sich erinnert, gab es 1986 in Deutschland ganze zwei lieferbare aus dem Niederländischen übersetzte Buchtitel, Cees Notebooms „Rituale“ und Hugo Claus’ „Der Kummer von Flandern“. Zum Gastlandauftritt der Niederlande und Flanderns auf der heute beginnenden Frankfurter Buchmesse erschienen nun sage und schreibe 306 literarische Neuübersetzungen aus dem Niederländischen und Flämischen. Woher der krasse Anstieg?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Buchwald, der heute nach vielfältiger Tätigkeit als Verleger und Herausgeber mit seiner Frau in Amsterdam den Literaturverlag Uitgeverij Cossee leitet, erzählt im Gespräch mit dieser Zeitung, er habe damals „aus schlechtem Gewissen“ zu überlegen begonnen, welchen niederländischen Autor man unbedingt verlegen sollte, denn „die Niederländer haben zwischen 1933 und 1940 vielen deutschen Autoren ein Verlagsdach gegeben, und wir hatten keine blasse Ahnung von der Literatur der Nachbarn“. Er landete bei Harry Mulisch, dessen Roman „Das Attentat“ dann bald auf Deutsch erschien.

          „Never ending tour“

          Dass man sich den Mangel der Achtziger heute kaum noch vorstellen kann, liegt wohl auch insbesondere am ersten Gastlandauftritt der Niederlande und Flanderns auf der Frankfurter Buchmesse im Jahr 1993. Ihm hat man einen ungeheuren Schub für die Rezeption niederländischer Literatur in Deutschland, aber auch international zugeschrieben – viele der heute einschlägig bekannten Autoren wie eben Noteboom, Mulisch, Claus, aber auch Margriet de Moor und Connie Palmen, Willem Hermans und manche andere seien erst dadurch so recht hier angekommen, heißt es.

          Wenn nun 23 Jahre später dieser Gastlandauftritt sich wiederholt, darf man konstatieren: Der Schub hat sich fortgesetzt. Und erfreulicherweise gibt es auch eine Vielzahl junger Autoren, die nachrücken. Einige der älteren, die aufgrund einer Obergrenze nicht zur offiziellen Delegation gehören, seien betrübt gewesen, hört man. Wie schwierig indessen die besagte Auswahl ist, gibt Victor Schiferli vom Nederlands Letterenfonds zu bedenken: Die Flamen und Niederländer könnten jeweils nur 35 Autoren entsenden, bei denen man alle Genres, alle Altersgruppen, Frauen und Männer sowie verschiedene kulturelle Hintergründe zu berücksichtigen habe. An Aufmerksamkeit und Veranstaltungen mangelt es jedenfalls nicht – im Grunde dauert der Gastlandauftritt ja ohnehin ein ganzes Jahr, er war schon auf der Leipziger Messe zu sehen, hat auch die Lit.Cologne geprägt und noch viele andere Veranstaltungen in verschiedenen Städten hervorgebracht, und auch nach der Herbstmesse gehen für viele der Autoren die Lesereisen in Deutschland noch weiter: Es erinnert ein bisschen an Bob Dylans „never ending tour“.

          Niederländische Sprachpflege

          Mag man sonst vielleicht jammern, dass alles schrumpft oder verschwindet – hier für einmal spricht aus den Bucherscheinungen, auch im Vergleich zu anderen Gastlandauftritten, eine kaum noch zu bewältigende, aber erfreuliche Kulturfülle. Die Leistung auch gerade in der Übersetzungsförderung, die der niederländische und der flämische Literaturfonds erbracht haben, ist riesig. Sie ist nicht zuletzt ein Zeichen für den in einem vereinten Europa zuletzt doch deutlich veränderten Blick der Nachbarn aufeinander, vom Ressentiment hin zu freundlicher Zuneigung. Was die wirkliche Kenntnis der Deutschen von der Nachbarkultur angeht, steht freilich auf einem anderen Blatt, und jeder kann sich ja einmal selbst prüfen, was er eigentlich, im Vergleich zu Frankreich oder Polen, über Holland und Belgien weiß.

          Interessant ist vielleicht noch ein Vergleich zwischen dem Gastlandauftritt 1993 und jenem heute. Vor dem damaligen hieß es in einem Artikel in dieser Zeitung, dass, während die aus dem Niederländischen übersetzte Belletristik einen Aufschwung erlebe, „das Geistesleben der Niederlande für das übrige Europa ein blinder Fleck zu bleiben droht“, weil maßgebliche Sachbücher unübersetzt blieben. Auch hier hat sich sichtlich etwas verändert, was laut Christoph Buchwald ebenso der Förderung der Literaturfonds zu verdanken ist. So kenne heute auch mancher Deutsche die historischen Abhandlungen von Gert Mak, die Bücher über Verhaltensforschung von Midas Dekkers oder jene zur Hirnforschung von Dick Swaab.

          Bei aller Euphorie ist eine ganz andere Frage, wie es um den niederländischsprachigen Buchmarkt steht, der zuletzt große Einbrüche verzeichnete. Und ein noch mal anderes Problem ist die Frage nach der dortigen Sprachpflege. Die Anglisierung der Bildungseinrichtungen schreitet nämlich beständig voran: Aus einer vor kurzem in der „Volkskrant“ veröffentlichten Statistik geht hervor, dass an manchen Universitäten alle Masterstudiengänge komplett auf Englisch sind und in den meisten anderen zwischen sechzig und achtzig Prozent von ihnen. Und wie Lehrende berichten, werden in manchen Literaturstudiengängen teils sogar die niederländischsprachigen Werke selbst nicht mehr im Original, sondern auf Englisch gelesen.

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