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Georgien und Russland : Ist das Freundschaft oder Verrat?

Grenzübergang Verkhny Lars zwischen Russland und Geogrien Bild: AFP

In Russland wird Georgien romantisch verklärt, seit es Teil des Zarenreiches wurde. Doch das Land am Kaukasus war in dieser Beziehung von Anfang an unglücklich. Es will seit langem eigene Wege gehen – und wird immer wieder gewaltsam zurückgehalten.

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          Goga wusste genau, wovon er sprach, als er den Trinkspruch auf das Wohl Georgiens ausbrachte: Seine Heimat solle man so sehr lieben, dass man bereit sei, auch das Leben für sie hinzugeben. Für ihn waren das keine leeren Worte. Einige Jahre zuvor, im August 2008, hatte er im Krieg gegen Russland an vorderster Front gekämpft, hatte gesehen, wie neben ihm Kameraden fielen. Und nun hob er also das Weinglas und setzte zu einer improvisierten Rede über die Heimat, das Vaterland und die Völkerfreundschaft an. Am Tisch kam eine unterschwellige Spannung auf, die mit jedem Satz wuchs. Wohin würde seine Rede führen?

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Es war ein frostiger Herbstabend. Trotz des hausgebrannten Traubenschnapses war es draußen an dem Feuer, auf dem das Fleisch gebraten wurde, schnell eisig kalt geworden, aber in dem engen Wohnzimmer der Wirtin der kleinen Pension in dem Städtchen hoch oben im Kaukasus war es wohlig warm. Auf dem zu einem georgischen Gastmahl gedeckten Tisch war zwischen den Tellern und Gläsern kein Platz mehr frei: Da standen Schüsseln mit Schaschlik, dampfenden Teigtaschen, eingelegten Tomaten, Gurken, Paprika, Pilzen und Zwiebeln, Platten voller gebratener Auberginen mit Walnusspaste, Schälchen mit allerlei Saucen, Karaffen mit Wein, Wasser und Limonade, die Flasche mit dem Traubenschnaps.

          Wie von selbst war Goga in der zufälligen Gesellschaft das Amt des Tamada zugefallen, des Zeremonienmeisters, der den Rhythmus des Trinkens vorzugeben und mit seinen Trinksprüchen die auseinanderstrebenden Unterhaltungen immer wieder zusammenzuführen hatte. An der Tafel saß neben Georgiern, Litauern und Deutschen auch ein Russe. Goga schaute nicht mehr und nicht weniger auf ihn als auf die anderen, während er sprach, aber dafür wanderten die Blicke aller anderen bald nur noch zwischen ihm und Goga hin und her. Immer näher tastete sich Goga mit dem erhobenen Weinglas in der Hand auf rhetorischen Umwegen an das Phänomen der Feindschaft zwischen Völkern heran.

          Kein Raum für Nuancen zwischen Russland und Georgien

          Doch ein Georgier würde nie einen Gast vor den Kopf stoßen – und ein solcher war der Russe für Goga. Als hinreichend klar war, welches Thema er da umkreiste, ohne es anzusprechen, endete er mit einem Hoch darauf, dass hier, an einem der schönsten Orte Georgiens, Menschen aus unterschiedlichen Ländern zusammengefunden und sich zum Essen und Trinken versammelt hatten. Alle tranken, die Spannung fiel ab, die Gespräche flossen wieder in verschiedene Richtungen. Aber der Russe erhob sich bald vom Tisch – er müsse leider am nächsten Morgen früh aufstehen. Vielleicht war das tatsächlich der Grund, wer weiß. Von Gogas Kriegserfahrungen wusste der Mann nichts, denn Goga hatte vor ihm nicht darüber geredet.

          Im Verhältnis von Georgiern und Russen gibt es vieles, was unausgesprochen bleibt. Wenn Klartext geredet wird, dann werden die Worte jedoch meist so hart und eindeutig, dass kein Raum mehr für die vielen Nuancen bleibt, die eine lange währende Beziehung auch dann ausmachen, wenn sie von Anfang unglücklich war und im Unfrieden auseinandergegangen ist. Der Krieg vom August 2008 überlagert heute fast alles andere im Verhältnis der Georgier zu Russland – nicht nur für Männer wie Goga, die daran teilgenommen haben. Er ist ein tiefer Einschnitt für das Land, auch wenn die Kämpfe nur fünf Tage gedauert haben und die menschlichen Verluste sowie die materiellen Schäden im Vergleich zu den Kriegen, die Russland in der Ukraine und Syrien führt, gering geblieben sind.

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