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F.A.Z.-Buchmesse-Krimi 1/4 : Der Tote unter dem Lesepult

Seit diesem einen Fall, der ihn monatelang beschäftigt hatte, dem Diebstahl eines Rembrandts aus dem Rijksmuseum, war Sylvia von dem Maler fasziniert. Er erinnerte sich noch daran, als wäre es gestern gewesen. Am Tag des Raubs war er spät nach Hause gekommen, völlig erschöpft, aber aufgedreht. Für das Museum war es eine Katastrophe, für ihn und seine Einsatzgruppe der Beginn einer aufregenden Jagd. Sylvia war noch nicht im Bett gewesen, und als er ihr erzählte, was geschehen war, war zum ersten Mal seit dem Tod ihrer Mutter wieder ein Funke des Interesses in ihren Augen aufgeblitzt.

„Warum stiehlt jemand ein Gemälde?“, wollte sie wissen.

Er nahm sie in den Arm und kraulte ihr zärtlich die Wangen.

„Aus Geldgier.“

„Geldgier?“

„Ja. Das Gemälde ist Millionen wert. Die Diebe verkaufen es auf dem Schwarzmarkt. Vielleicht haben sie den Diebstahl sogar im Auftrag eines Sammlers verübt.“

„Aber dann kann doch nur er allein das Bild betrachten. Und was ist mit den anderen Leuten, die es sehen wollen?“, hatte sie empört gefragt.

„Das interessiert so einen nicht. Der will das Bild für sich und schert sich nicht um andere.“

„Aber das ist doch egoistisch!“

Er hatte ihr ein Foto des Werks gezeigt. „Du findest es aber wieder, oder, Papa?“, hatte sie gefragt, mit großen Augen vor Bewunderung, „sie nennen dich doch den alten Meister.“

„Natürlich finde ich es wieder“, hatte er voller Selbstvertrauen geantwortet. Damals konnte er noch nicht ahnen, wie sehr dieser Fall ihn verfolgen würde.

„Und nimmst du mich dann mit ins Museum, so dass ich das Bild in echt sehen kann?“

Das hatte er getan, obwohl es noch Monate gedauert hatte, ehe er sein Versprechen einlösen konnte. Die Diebe waren nicht so leicht zu fassen gewesen wie anfangs gedacht. Dafür hatte er in der Presse Prügel bezogen. Doch letztendlich hatte er es geschafft, das Gemälde zu finden und die Bande auffliegen zu lassen. Der Erfolg hatte seiner Karriere einen enormen Schub versetzt.

                    *   *   *

Er blickte sich um. Überall Bücher. Sylvia musste sich hier wie ein Fisch im Wasser fühlen. Als seine Frau noch gelebt hatte, hatten sie manchmal gescherzt, Sylvia müsse im Krankenhaus verwechselt worden sein, denn sie war am glücklichsten mit der Nase in einem Buch. Er selbst hatte noch nie eines ausgelesen, ausgenommen die Pflichtlektüre in der Schule, und selbst das nur mit viel Mühe. Er entspannte sich in seiner Freizeit lieber, indem sich auf Partys amüsierte. Jetzt wartete er gespannt auf die Buchpräsentation seiner Tochter. Als er sich erkundigt hatte, wer denn alles kommen würde, hatte Sylvia ihn gewarnt, er solle nicht zu viel erwarten. „Wahrscheinlich kommen gar nicht viele Leute. Kunstbücher sind eben nicht so populär wie Romane.“

Er schnaubte. Da kannte sie ihn aber schlecht. Hier liefen mehr als genug Leute herum. Es durfte doch kein Problem sein, einen ansehnlichen Teil von ihnen zu Sylvias Buchpräsentation zu locken!

                    *   *   *

Sylvia hörte Wasser laufen. Dann drehte die Frau den Hahn wieder zu und ging. Ihre Absätze klackerten selbstsicher über den Fliesenboden. Tick. Tick. Tick. Sylvias Magen krampfte sich zusammen, und sie stöhnte laut auf. Sie konnte sich nicht drücken. Sie stand auf, öffnete die Tür und betrachtete sich im Spiegel. Zog eine Grimasse. Straffte die Schultern und stemmte die Hände in die Taille. Brust raus, Füße leicht gespreizt, Kinn hoch. Sie hatte irgendwo gelesen, diese Haltung verleihe innere Kraft und strahle auch nach außen hin Selbstbewusstsein aus. Du schaffst das, sagte sie sich. Eine Stunde geht schnell vorbei.

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