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F.A.Z.-Buchmesse-Krimi 3/4 : Das einstige Opfer

Eigentlich hat der Mann mit der Schirmmütze auf der Messe etwas zu erledigen. Dann trifft er einen alten Widersacher. Und bekommt eine Nachricht. Dritter Teil des F.A.Z.-Buchmesse-Krimis „Der alte Meister“.

          5 Min.

          Wie alles begann: Zum ersten der vier Kapitel des F.A.Z.-Buchmesse-Krimis

          Sylvia ließ das Handy sinken. Langsam und wie ferngesteuert. Als hinge ihr Arm an einem unsichtbaren Faden, der vom Meister der Sylvia-Marionette gelenkt wurde. Sie hatte das Gefühl, komplett neben sich zu stehen, die Geschehnisse um sie herum aus einer fremden Sphäre heraus zu beobachten. So stellte sie sich eine Nahtod-Erfahrung vor.

          Eine weitere Leiche? Ermordet im Simson-Stil wie schon zuvor Marcus? Ihr geliebter Marcus, den sie nun nie wieder... Sylvia presste die Hand vor ihren Mund, spürte, wie es in ihr brodelte und rumorte, nur mit Mühe schaffte sie es, den Brechreiz zu unterdrücken.

          Und nun also Thomas Lawall, der Kurator des Städels. Wieso hatte er sterben müssen? Auf die gleiche grausame Art wie Marcus? Sylvia sah zu ihrem Vater hin, erkannte Douwe aber nur schemenhaft mit ihren in Tränen schwimmenden Augen. Er redete noch immer auf die blonde Frau im blauen Kleid ein – Marcus’ Witwe, die völlig reglos dastand und anscheinend gar nicht mehr registrierte, was um sie herum geschah.

          Sylvia trat einen Schritt vor und verlor beinahe ihr Gleichgewicht. Der Gedankenkreisel in ihrem Gehirn rotierte auf Hochtouren. Was bezweckte der Mörder nur mit diesen abscheulichen Taten? Was war die Verbindung zwischen ihrem Verleger und dem Kurator des Städels?

          Sylvia zuckte zusammen, noch bevor sie die Frage zu Ende gedacht hatte. Weil die Antwort darauf in ihr hochkroch wie ein schleimiges Monster aus einem finsteren See, das sie mit nur einem Bissen von innen heraus auffressen wollte.

          Die Verbindung war sie. Sie und ihr Fachbuch über Rembrandt, das es ohne diese beiden Menschen nicht gegeben hätte.

          Sylvia stockte der Atem, sie rang nach Luft als läge eine breite Schlinge um ihren Hals, die sich unerbittlich zuzog. Würde sie als nächstes sterben müssen? Mit weit aufgerissenen Augen sah sie sich nach allen Seiten um, beide Hände an ihre Kehle gepresst, die kaum noch Sauerstoff durchließ. Sylvia taumelte. Und schlug hin. Auf den harten grauen Boden vor dem Eingang zur Messehalle.

                              *   *   *

          Teufel auch, was ist denn hier los?

          Der drahtige Mann mit der karierten Schirmmütze und dem abgetragenen grauen Jackett sprang flugs zur Seite, als die Frau in dem roten Kleid wie ein Felsbrocken neben ihm niederging. Er zog die Mütze noch tiefer in die Stirn und stahl sich schnell davon. Nicht gerade gentlemanlike, normalerweise war ein derart rüdes Verhalten nicht sein Stil. Aber Aufmerksamkeit war das Letzte, was er im Moment gebrauchen konnte.

          Arjen Smit suchte Deckung hinter einer Gruppe Frauen, die sich gegenseitig ihre Schätze aus ihren Büchertüten präsentierten und den Rest der Welt dabei erfolgreich ausblendeten. Er neigte sich ein wenig nach links, damit er das Geschehen rund um die ohnmächtige Frau verfolgen konnte, ohne selbst gesehen zu werden.

          Arjen schüttelte den Kopf und atmete langgezogen aus. Da hatte er ja gerade noch mal Glück gehabt. Offenbar ging es auf einer Buchmesse doch nicht ganz so öde zu, wie er sich das ausgemalt hatte. Bücher waren für ihn schlicht Gebrauchswerkszeug. Zwei schmale Taschenbücher dichteten den Mausverschlag in seiner Dachgeschosswohnung in Antwerpen ab, und den schweren Lexikonbrocken, den sein Großvater ihm vererbt hatte, hatte er bereits dreimal erfolgreich in seinem Business zum Einsatz gebracht. Es musste nicht immer ein Hammer sein, um die Schaufensterscheibe des kleinen Juweliers einzuschlagen, für den er seit zwei Jahren arbeitete. Der Deal: Er raubte den Mann rund alle acht Wochen einmal aus und durfte die maßvoll bemessene Beute behalten. Der Juwelier kassierte die Versicherungssumme für die unverkäuflichen Stücke, und Arjen beglückte den Hehler seines Vertrauens. Reich werden konnte er so zwar nicht, aber für die Miete genügte es. Grundsicherung war auch in der Diebstahlbranche inzwischen ein Thema, die Konkurrenz aus Osteuropa war groß, der Markt heiß umkämpft. Mit Entsetzen dachte Arjen an seine letzte Begegnung mit einer rumänischen Bande Kleinkrimineller, die sich nicht scheuten, ihn mit einem Flammenwerfer von der Bankfiliale zu verscheuchen, in die er gerade selbst hatte einsteigen wollen.

          Der Auftrag auf der Buchmesse war sein erstes größeres Ding. Nach der Katastrophe vor etlichen Jahren in diesem Museum. Es gruselte ihn jetzt noch, wenn er daran dachte, wie knapp es damals für ihn gewesen war.

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