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Frauen sind Meisterinnen des Neuanfangs: Ein Mitglied der weltbekannten georgischen Tanztruppe Laprebi Bild: Picture-Alliance

Georgische Frauen : Die Amazonen von Tiflis

Wer durch Georgien reist, ist fasziniert: Von der Schönheit des Landes, aber auch vom Aufbruch der Frauen. Der gefällt jedoch nicht allen dort.

          Sie seien krisenerprobt, sagt Ana Kordzaia-Samadashvili lachend auf die Frage, woher sie, woher ihre georgischen Landsleute die Kraft für den Aufbruch nähmen. Gerade Frauen, so führte Ana Kordzaia-Samadashvili damals, bei einem Besuch in ihrer Heimatstadt Tiflis, aus, erwiesen sich in Zeiten nach einem gesellschaftlichen Kollaps als Meisterinnen des Neuanfangs. Die 1968 in Tiflis geborene Schriftstellerin und Journalistin, die unter anderem für ihre Übersetzung von Elfriede Jelineks „Liebhaberinnen“ vom Goethe-Institut geehrt wurde, zeichnet auch in ihrem 2016 ins Deutsche übersetzten Roman „Wer hat die Tschaika getötet?“ ein komplexes Bild der georgischen Hauptstadt und ihrer Bewohner.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Georgien, dieses kleine Land im heftigen Transformationsprozess zwischen sowjetischem Erbe und westlicher Moderne, prekär und zugleich voller Chancen, sucht wie keine andere der ehemaligen Kaukasus-Republiken die Nähe zu Europa, so auch jetzt beim anstehenden Gastlandauftritt der Frankfurter Buchmesse. Mit Ana Kordzaia-Samadashvilis Erläuterungen im Sinn ist es daher nur folgerichtig, dass mit der Organisation des Auftritts eine Frau betraut ist, Medea Metreveli vom Georgischen Buchzentrum.

          Die promovierte Hellenistin Ende dreißig steht exemplarisch für jene Generation selbstbewusster georgischer Frauen, die den Aufbruch des Landes seit Jahren entschlossen vorantreiben. In den urbaneren Gebieten, allen voran in Tiflis, sind diese hochgebildeten, im Beruf erfolgreichen Frauen immer wieder anzutreffen: Sie arbeiten, leiten eigene Unternehmen und sind nicht selten Hauptverdiener ihrer Familien. Sie gründen Verlage, eröffnen Buchhandlungen, initiieren Ausbildungsstätten für Kunst und Film.

          Schriftstellerin Nino Haratischwili

          Dass freilich die berühmteste Georgierin hierzulande, Nino Haratischwili, die seit ihrem Bestseller „Das achte Leben“, einem hundertjährigen Familienepos vor dem Hintergrund georgischer Geschichte, dem großen Publikum bekannt ist, in Deutschland lebt und nicht in Georgien, auch das gehört zu der Sozialgeschichte dieses Landes, das gerade einmal 3,7 Millionen Einwohner zählt: Etwa eine Million Georgier lebt außerhalb der Heimat.

          Viele, die es wie Haratischwili in die Fremde gezogen hat, sind junge, gut ausgebildete Frauen. Diejenigen aber, die in Georgien geblieben sind, fühlen sich, so hört man immer wieder in Gesprächen mit Georgierinnen, mitunter wie in einer Parallelgesellschaft. Tatsächlich erweist sich ihre Realität als höchst widersprüchlich: Denn in den ländlichen Gebieten herrscht heute wieder verstärkt das tradierte Frauenbild vor, dem zufolge eine Frau erst dann höchstes Ansehen genießt, wenn sie verheiratet ist und Kinder hat.

          Aus der Distanz von gut hundert Jahren: Im Kunstmuseum von Tiflis betrachtet ein Mädchen Niko Pirosmanis berühmtes Bild „Die Schauspielerin Margarita“ von 1909.

          Historisch gesehen, begann sich die Situation der Frauen in Georgien mit dem Kampf um die Unabhängigkeit vom Russischen Reich zu verändern, schreibt die Übersetzerin Rachel Gratzfeld im Nachwort zu Dawit Kldiaschwilis Roman „Samanischwilis Stiefmutter“: An den Unabhängigkeitsbestrebungen nahmen die georgischen Frauen damals aktiv teil. Es gab zu dieser Zeit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts eine hochmotivierte Frauenbewegung, die eigene Schulen für Frauen und Mädchen betrieb und sich in Organisationen zusammenschloss und die Zeitschrift „Stimme der Frauen“ herausgab.

          Während die Sowjetunion noch glaubte, die Frauenfrage gelöst zu haben, sehen sich junge Frauen im heutigen Georgien nun aber mit Tendenzen konfrontiert, die ihrer Unabhängigkeit gar nicht unbedingt wohlwollend gegenüberstehen. Die Nichtregierungsorganisation „Women’s Gaze“ spricht in diesem Zusammenhang von einer Dichotomie der Gesellschaft, da nach dem Zerfall der Sowjetunion christlich-orthodoxe, konservative Tendenzen verstärkt wiederauflebten. Eine Rückbesinnung auf Tradition, Religion und Geschichte allerdings, die zu Lasten der Gleichberechtigung der Geschlechter geht, macht es den Frauen nicht leichter. So stellte auch die Heinrich-Böll-Stiftung während einer Tagung in Tiflis fest, dass gerade die politische Partizipation von Frauen heute selbst in liberalen Kreisen marginalisiert werde: Zwar werde Geschlechterdemokratie als politisches Ziel von Parlament und Regierung seit Jahren bekräftigt, aber de facto nicht umgesetzt: „In der Bevölkerung sind traditionelle Vorstellungen von Wesen und Rolle der Geschlechter so weit verbreitet, dass von dort kein Druck entsteht.“

          Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch, warum die Herausgeberin literarischen Sammelband „Techno der Jaguare“, der 2013 in der Frankfurter Verlagsanstalt Erzählungen georgischer Autorinnen wie Nino Haratischwili und Ana Kordzaia-Samadashvili versammelte, als „Wiedergutmachung“ bezeichnete. Denn Manana Tandaschwili hatte 2010 auf der Frankfurter Buchmesse schon einmal eine Anthologie mit georgischen Gegenwartsliteratur vorgestellt. Eine Besucherin sprach sie daraufhin an: „Wo sind denn die Frauen?“ Tatsächlich waren in dem Band ausschließlich Männer vertreten.

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