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Daniel Cohn-Bendit im Gespräch : Es zählt das Unübersetzbare

Daniel Cohn-Bendit Bild: EPA

Sollten wir Deutschen uns mehr für Frankreich interessieren? Langweilen wir die Franzosen – oder fühlen sie sich bedroht? Ein Interview mit Daniel Cohn-Bendit, der die doppelte Staatsbürgerschaft geradezu verkörpert.

          5 Min.

          Herr Cohn-Bendit, interessieren wir Deutschen uns wirklich für Frankreich und die Franzosen – oder sind wir zu sehr mit uns selber beschäftigt?

          Claudius Seidl
          (cls), Feuilleton

          Grundsätzlich habe ich Schwierigkeiten, von „uns Deutschen“ und „den Franzosen“ zu sprechen. Ich glaube aber, dass es hier ein großes Interesse an Frankreich gibt, vor allem ein politisches. Die Leute hatten Angst, Marine Le Pen könnte die Wahl gewinnen. Und sie waren erleichtert, dass Emmanuel Macron sie gewonnen hat.

          Was hat Macron den Deutschen zu sagen?

          Insgesamt, glaube ich, ist die französische Republik den Deutschen ein Buch mit sieben Siegeln. Aber man beneidet sie, man beneidet einen Staat, der sich nicht scheut, sich am Nationalfeiertag so zu inszenieren. Volksfeste, Volksbälle, große Militärparaden . . .

          Und Macron?

          Diese vier Minuten, 22 Sekunden, die er um die Pyramide des Louvre gegangen ist, zu den Klängen der Neunten Symphonie. Das war großes Kino, das Selbstbewusstsein eines Mannes, der sich traut, was sich kein deutscher Politiker trauen würde.

          Wäre das wünschenswert: ein deutscher Politiker, der zur Ästhetik des Staates ein ähnlich ungebrochenes Verhältnis hätte?

          Mag sein, dass das nicht wünschenswert wäre. Aber beeindruckt waren die Deutschen. Ein so junger Mann, dazu Beethoven. Und, um einen Sprung zu machen, wer sich das traut, der schafft damit auch die Bedingungen, ein paar Monate später seine Vision von Europa zu entwerfen. In Deutschland zitiert man in solchen Fällen gern Helmut Schmidt: Geh’ zum Arzt, wenn du Visionen hast!

          Was ja vielleicht unser Problem ist. Erscheint den Franzosen dieses visionslose Deutschland nicht als langweilig? Gut regiert, aber zu brav?

          Angela Merkel beeindruckt die Franzosen. Sie wird nicht immer verstanden, aber sie regiert ein Land, das gut funktioniert. Wie die Deutschen 800 000 Flüchtlinge aufgenommen haben, wie, vor allem in Bayern, die Organisation perfekt lief, das beeindruckt die Franzosen. Auch wenn es manchmal gehässige Untertöne gibt, mit Verweisen auf die deutsche Geschichte: Sie haben immer gut funktioniert, die Deutschen. Und dann, gerade wenn man denkt, Angela Merkel regiere mit ruhiger Hand und kühlem Kopf, kommt es zum Ausbruch.

          Was meinen Sie?

          Wenn Angela Merkel, die gerade noch das Gegenteil wollte, den Ausstieg aus der Atomenergie verkündet. Wenn sie die Grenzen radikal öffnet. Wenn die Deutschen ihre Positionen um 180 Grad drehen. Das macht die Franzosen neugierig: Wie ist das möglich?

          Vermutlich sind die Deutschen sich da selbst ein Rätsel. Ist es denn so, dass die Mehrheit der Franzosen wohlwollend auf Deutschland schaut: die Rechte um Le Pen, die Linke um Mélenchon?

          Mélenchon hat ein Buch geschrieben, „Bismarcks Hering – das deutsche Gift“, da steckt seine ganze Ablehnung drin, ja sein Hass auf Deutschland. Emmanuel Todd unterstellt den Deutschen, sie wollten Europa versklaven.

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