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Finnischer Tango-Crashkurs vor der Buchmesse : Nicht lächeln, schließlich ist dein Leben ruiniert

Schon bei der Handhaltung können Fehler gemacht werden: Der finnische Vortänzer Terko Kylli erklärt, worauf zu achten ist Bild: Frank Röth

In Argentinien hält man die finnische Art, Tango zu tanzen, für martialisch. Ein Chrashkurs zum Auftakt der Buchmesse zeigt: Auch wenig Tanzen will gelernt sein.

          Der finnische Mann, heißt es, rede nicht viel. Um mit den Frauen in Kontakt zu kommen, gebe es den Tango, der auf jedem Dorffest getanzt wird. Der Tanz ist in Finnland überaus beliebt, und er ist speziell: vom dramatischen, leichtfüßigen argentinischen Tango bleibt wenig mehr als der Rhythmus übrig. Statt eines Bandoneons kommt ein Akkordeon zum Einsatz. Und die Mundwinkel dürfen sich nicht einmal im Rausch irgendeiner Leidenschaft verziehen. „Dies ist eine ernste Angelegenheit“, sagt Tanzlehrer Terko Kylli beim Crashkurs im Frankfurter Literaturhaus. „Die Lieder handeln davon, dass dein Leben ruiniert ist, weil du deine Liebe für immer verloren hast. Da wird nicht gelacht.“

          Dann dirigiert er seine Partnerin mit etwas schwerfälligen Schritten über die Tanzfläche. Das finnische Tango-orkesteri Unto spielt dazu ein melodiöses und temperamentvolles Lied. Das scheint eine besonders feinfühlige Variante der traditionellen Musik zu sein. Auf dem Land gehört ein Schlagzeug zu einer echten Tango-Band, und es ist eine gewisse Verwandtschaft zur Marschmusik spürbar, wie Mikko Fritze, Leiter des Goethe-Institutes in Finnland, eingangs erklärte: „Meine argentinischen Freunde nennen den finnischen Tango martialisch.“ Der Grundschritt, den wir Zuschauer anschließend erlernen, ähnelt dem Foxtrott und besteht erfreulicherweise vor allem darin, stocksteif vorwärts und rückwärts zu gehen und gelegentlich eine Vierteldrehung einzulegen. Mein Tanzpartner, ein beinahe freiwillig anwesender und kaum überredeter Kollege, fasst Mut. „Das mit dem ernsten Gucken kann ich“, flüstert er.

          Wer wird gleich mit der Hüfte schwingen!

          Tatsächlich tanzt sich ein bisschen finnischer Tango erstaunlich einfach. Als die Paare auf die Tanzfläche strömen, singt Pirjo Aittomäki gerade davon, wie ein junger Finne mit dem Schiff nach Buenos Aires fährt, sich dort betrinkt und den Argentiniern erklärt, der Tango komme ja wohl aus seiner Heimat. Wir laufen ein wenig vor, ein wenig zurück, und drehen ab und zu. Es ist so gut wie unmöglich, sich gegenseitig auf die Zehen zu treten, weil der Finne an sich beim Tanzen so viel Körperkontakt wie möglich hält. Man kommt gar nicht umhin, den Fuß des anderen wegzuschieben, indem man seinen eigenen nach vorn bewegt. Neben uns verknoten Anhänger der argentinischen Schule etwas manieriert ihre Beine, während wir uns in Ermangelung solchen Repertoires freuen, dass die Bewahrung kühlen Blutes endlich zur Kunstform erhoben wurde. Die größte Herausforderung besteht darin, nicht versehentlich die Hüften ein wenig zu schwingen.

          Der Tanzlehrer zeigt unterdessen auf seine Art, wie das mit dem Tango in Finnland funktioniert. In einer Ecke stehen die Damen, die gerne tanzen möchten, und er fordert sie auf. Eine nach der anderen. Jede von ihnen bildet mit ihm das unauffälligste Paar auf der Tanzfläche. Allmählich ahnen wir, was mit der dieser Tage vielbeschworenen finnischen Coolness gemeint sein könnte. Und wir machen Fortschritte: Der ernsthafte Ausdruck breitet sich auch in meinem Gesicht immer weiter aus, je mehr ich meine Füße in den Tanzschuhen spüre. Wir lassen den Tango zurück und trinken an der Bar ernste Getränke. Genug für heute. Man will sich ja nicht gleich zur Begeisterung hinreißen lassen.

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