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Buchmessen-Kolumne „Überdruck“ : Das Sterben der Dritten Männer

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Lest gute Literatur, etwa von Alice Munro der Nobelpreisträgerin 2013! Bild: Klein, Nora

Sie geben nicht auf: Auch 2013 schwappte Internet- und Computerbrühe in die Pfade der Buchmesse, ganz so, als ob man sie darum gebeten hätte, oder die Versprechungen dieses Jahres besser als die Lügen des letzten Jahres wären.

          Gestern dann dieser Harry-Lime-Moment. Ich stehe hoch über Halle 4.0 und schaue hinunter auf das Gewusel, wie man vom Riesenrad hinab auf das Gewimmel im Wiener Prater schaut, und frage mich: Würde es mich wirklich stören, wenn es das Buch und den Verlag von diesem Ex-Tennisspieler nicht gäbe? DadaDa-daDa.daDAA, summe ich vor mich hin, eine Zither wäre jetzt schön, denn was würde es mich stören, würde ein Onlineverlagsabzocker und Contentstrecker unten in den Kloaken unter Frankfurt die Ratten nähren? Ist das, was viele hier anbieten, wirklich Medizin für den Geist oder nicht einfach nur gedrucktes Glotzengift? Wäre da unten die halbe Halle leer, hätte ich etwas versäumt, würde ich etwas vermissen, wäre die Welt deshalb schlechter?

          In meiner Heimatstadt steht dieses absurde Buchzentrum von Thalia auf der Kippe und ich bin froh, wenn es endlich weg ist – gute, engagierte Buchhandlugen, wie ich sie brauche, und wie sie Reisen zur Buchmesse anbieten, gibt es genau eine und das reicht mir. Es gibt einen riesigen Weltbildladen, der noch eine alte Jesuitenbibliothek verschandelt. Es mag individuell für die Verkäuferin traurig sein, wenn Bestsellertafeln, nachgemachte offene Kamine und Plastikkronleuchter verschwinden, aber ich kann eine hämische Freude nicht unterdrücken.

          Wenn das Buch den Geist aufgibt

          Es ist oft wie in der Medikamentenbranche und der Religion, das Kulturgut scheint heilig und unverzichtbar zu sein und deshalb zieht es auch so viele unheilige Gestalten an, die so gar nichts mehr mit Heilung und Erlösung zu tun haben, sondern nur noch mit ihrem eigenen Vorteile. Großverlage haben Autoren, Handlungen und Ideen austauschbar gemacht, sie werden als Versatzstücke einer Contentstrategie eingesetzt, und gestern erzählte mir der Compagnon eines sich langsam unter den Tisch trinkenden Serienpleitiers, man bräuchte auch die FAZ als Lead für ihre Verlagsstrategie. DdaDa-daDa.daDAA, spielt die Zither in meinem Kopf.

          Es ist ja nicht so, dass man früher solche Gestalten irgendwie vermisst hätte. Und oben, wo sich die Reihen der Faksimilehersteller und Buchkunstfreunde finden, bekommt man auch noch ein Gefühl dafür, was mit diesem wunderbaren Medium alles möglich war, als es die Möglichkeiten der Moderne nicht gab. Sicher sitzen irgendwo Leute, die wissenschaftlich berechnen, wann eine Billigklebung eines Buches den Geist aufgibt und wie oft der Kunde diese frustrierende Erfahrung machen muss, um sich doch zum Sklaven eines Lesegeräts zu wandeln. Würde sich die Erde auftun und ein Schock solcher Experten verschlucken, dann wäre es eben so. Eventuell würde ich sogar einen Mimosenkranz hinterherwerfen. Oder eine Ladung Schnellbeton. Und eine Betamax-Kassette mit „Der dritte Mann“.

          Ich meine das natürlich nicht persönlich; so wenig persönlich, wie es Thalia persönlich meinte, wenn sie kleine Buchhändler plattgemacht haben, oder wie Großverlage es persönlich meinen, wenn sie talentlose Berliner Gören beim Feuilleton oder in den Buchläden durchdrücken. Internetexperten meinen es natürlich auch nicht persönlich, wenn sie sich den Tod der elitären Buchfreunde wünschen, und ohne einen Blick auf einen Psalter der Gotik zum Terminal rennen. Überhaupt meint niemand jemals irgendwas persönlich, wir alle schauen hinunter und dürfen uns überlegen, wen aus diesem Gewimmel wir nächstes Jahr wieder begrüßen wollen, und welcher Dritte Mann auf der Strecke nach Hause dort auch bitte bleiben soll. Die Buchmesse ist ohnehin zu groß geworden. Kleiner, hochwertiger, besser würde ich mir wünschen, das meine ich natürlich nur zu unserem Besten und nicht persönlich.

          Wir sehen uns 2014. Vielleicht bringe ich dann auch, DadaDa-daDa.daDAA, eine Zither mit, und spiele den Lebenden nochmal auf.

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