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Buchmessen-Bilanz : Fehlt nur noch eine Hüpfburg

  • -Aktualisiert am

Eben noch beim Hobbit-Cosplay, dann zum Bastelkurs in transmedialem Erzählen: Diese Erdenmenschen lassen sich den letzten Mist andrehen Bild: Gyarmaty, Jens

Die Buchmesse wird langsam, aber sicher zur Spielzeugmesse: In Frankfurt sah man ein Fanal dessen, was passiert, wenn eine markthörige Branche ihren Kern verleugnet und sich infantilisiert.

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          Henning Mankell stellt das neue Wallander-Ballerspiel für die Playstation vor, Arnold Schwarzenegger hält vor Hunderttausenden als Comicfiguren verkleideten Teenagern eine Rede mit dem Titel „Selfmade - dein Weg zum Terminautor“, und unter der S-Bahn-Brücke am Rand des Messegeländes präsentiert der Suhrkamp Verlag mit den zwei letzten verbliebenen Mitarbeitern ein paar versprengten Literatur-Nerds Peter Handkes Jukebox-App: So könnte in nicht allzu ferner Zukunft die sogenannte Frankfurter Buchmesse aussehen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Schwarzenegger war dieses Jahr wirklich in Frankfurt; sein Auftritt zur Vorstellung der Autobiographie „Total Recall“ war der bestbesuchte und sprengte fast den Saal. Ungläubig hörte man einer unverschämten Boulevard-Kampagne mit dem Tenor „Im Buch erzähl’ ich alles über den damaligen Skandal“ zu, aber irgendwie waren doch alle da, um dem Spektakel beizuwohnen. Amnesty International fand es derweil skandalös, dass der Unterzeichner von Todesurteilen in Kalifornien ausgerechnet am internationalen Tag gegen die Todesstrafe ein Forum erhielt.

          Der steilste Satz der Buchmesse huscht über die Wand

          Auch die Spielkinder und ihre Konsolen gab es zuhauf auf dieser Messe. Einer der ersten Eindrücke auf dem Gelände war ein riesiges, aufblasbares „Buch“ zu J.R.R. Tolkiens nun wiederaufgelegtem „Herr-der-Ringe“-Ableger „Der Hobbit“, nun freilich als „das Original zum Film“. Unter diesem gern als Treffpunkt genutzten luftigen Fanal der Buchbranche sah man Mädchen und Jungen mit bunten Haaren und Zauberumhängen stehen. Auskunftsfreudig teilten sie mit, dass ihnen die Buchmesse überhaupt nur als Versammlungsort für „Kigurumi“, ein japanisches Kostümspiel, diene: „Wir sind ungefähr dreitausend in der Facebook-Gruppe. Das ist woanders nicht so leicht.“ Längst institutionalisiert dagegen ist der kaum davon unterscheidbare Karneval des „Hobbit Cosplay“. Es fehlt nur noch eine Hüpfburg.

          Auf der zweitägigen „Storydrive“-Konferenz zur Verknüpfung medialer Formen für massentaugliche Fiktionen und an diversen „Hot Spots“ für digitale Innovation konnte man gähnend langweiligem Tech-Talk von Marketingexperten beiwohnen, die allerdings mitunter auch Fanal-Sätze an die Wand beamten: „The video is the most important communication tool. Make it short, 35% of viewers don’t watch ’til the end.“ Und dann der der steilste Satz der Buchmesse, ganz beiläufig über die Wand huschend: „People don’t read text and make up their mind quickly.“

          In Halle 8.0, eigentlich reserviert für internationale Verlage, aber mindestens zur Hälfte gefüllt mit internationalen Anbietern konkurrierender Self-Publishing-Plattformen, die alle mit denselben Sprüchen werben („Jeder ist ein Autor“, „No Gatekeepers“, „In fünf Minuten zum eigenen Buch“), konnte man auch Produkte des sogenannten transmedialen Erzählens sehen. Ein Frau namens Jan Bozarth etwa stellte sich dort als Spielproduzentin, Songschreiberin und nun auch stolze Autorin vor und sprach über „Story making for a transmedia world“, mit der Betonung auf making - von telling ist hier längst keine Rede mehr. Das Ergebnis ihrer Arbeit, eine Mischung aus schlechtem Musikvideo mit Meerjungfrau und selten darin aufscheinenden Analphabetensätzen in schrecklicher Schrifttype, lief zur Abschreckung im Hintergrund.

          Das Verrückte ist, dass es sich bei diesen Phänomenen nicht etwa um U-Boote handelt, die das Programm der Buchmesse unterlaufen, sondern um die Renommier-Traumschiffe der Veranstalter höchstselbst. Bei der Eröffnungspressekonferenz etwa hörte man den Buchmessendirektor Jürgen Boos von „Inhalten in neuen Werträumen“ schwafeln: „Wir befinden uns in der ersten Pikosekunde nach dem Urknall, der die Gutenberg-Galaxis verändern wird.“

          Der Bücherwurm wandert in die Cloud

          Dass die Galaxis sich radikal verändert, ist offensichtlich. Man braucht sich ja gar nicht neuen Darbietungsformen wie dem E-Book zu verschließen - aber muss man denn gleichzeitig auch die Inhalte und die Qualität kampflos preisgeben? Boos und sein Team stellten auf der Konferenz ihre „Roadmap to Publishing Trends“ vor, auf der mit schönen, aber nichtssagenden Grafiken das Mantra „Alles wird anders“ illustriert wurde: Der Bücherwurm wandert in die Cloud, die auch den Autor ersetzt. Der Leser wird durchgestrichen und mit dem Begriff „prosumer“ ersetzt. Hier wird offensichtlich: Die einstigen Randphänomene rücken ins Zentrum und das, was man sich landläufig noch unter „Buchmesse“ vorstellt, wird instrumentalisiert und pervertiert.

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