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Buchmessen-Bilanz : Fehlt nur noch eine Hüpfburg

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Unleugbar ist, dass die Branche nach wie vor taumelt. Im stationären Buchhandel des bisherigen Jahres etwa ist ein Umsatzrückgang von 4,7 Prozent zu verzeichnen, wie Börsenvereinsvorsteher Gottfried Honnefelder bei der Eröffnungsfeier ohne Umschweife einräumte. Ob man ihn allerdings dadurch aufhalten kann, dass man die irrsten Verrenkungen des Marktes, um irgendwie Geld zu verdienen, jährlich als den heißesten Trend zur Rettung des Buches ausruft und ins Positive wendet?

Dreidimensional ist die Zukunft! Welche Inhalte im digitalen Klassenzimmer präsentiert werden, interessierte auf der Buchmesse weniger
Dreidimensional ist die Zukunft! Welche Inhalte im digitalen Klassenzimmer präsentiert werden, interessierte auf der Buchmesse weniger : Bild: Gyarmaty, Jens

Die Frankfurter Buchmesse, das wurde in diesem Jahr deutlicher als je zuvor, hat keine klare Vorstellung des Begriffs „Buch“, der laut einer Unesco-Definition eine „nichtperiodische Publikation mit einem Umfang von mindestens 49 bedruckten, beschriebenen, bemalten oder auch leeren Blättern aus Papier oder anderen geeigneten Materialien“ darstellt. Leer sollten sie doch bitteschön vielleicht nicht sein. Und darf es auch ein bisschen mehr sein, geht es etwas genauer? Wenn die Buchbranche in Zukunft auch nur irgendwie den Qualitätsaspekt berücksichtigen will, anstatt markthörig Trends hinterherzurennen, müsste sie sich dringend zu einer neuen Minimaldefinition durchringen. Hierbei könnte die Idee des Lektorats hilfreich sein, die anscheinend viele für obsolet halten: Ein Buch, das sollte im schlechtesten Fall ein Textprodukt sein, das von wenigstens einem themenkundigen und der Rechtschreibung mächtigen Menschen gegengelesen worden ist - bevor es, in welcher Form auch immer, unter die Augen von Vielen kommt.

Natürlich gibt es dieses Produkt noch. In den Hallen der Publikumsverlage sah man eine von den beschriebenen Umwälzungen weithin unberührte Messe mit ihrem gängigen Küsschen-hier-Küsschen-da-Betrieb, mit den unverzichtbaren Kochshows, verliebten Hunden und Yogakatzen. Man hatte mit Neuseeland einen garantiert eskalationsfreien Gastlandauftritt mit beachtlichem Begleitprogramm auch in den Frankfurter Kulturinstitutionen - aber auch den dazugehörigen, immer leicht zum Ethnokitsch neigenden Darbietungen im Pavillon: tätowierte Maoritänzer und Stammesgesänge. Wie man hört, geht es auch gar nicht für alle Verlage bergab. Von Diogenes etwa war zu vernehmen, man habe drei Bestseller im Programm, und es gehe dem Haus blendend.

„Wer die Inhalte hat, gewinnt“

Stellte man Autoren auf der Messe die Frage, wie sie deren radikale Verwandlung wahrnähmen, bekam man zumeist zur Antwort, sie hätten dazu kaum Zeit. „Für mich ist die wuselige Messe der denkbar schlechteste Ort, mich mit großen Fragen der Buchbranche auseinanderzusetzen“, sagte etwa der frühere Bachmannpreisträger Tilman Rammstedt.

Bei den Literaten vermisst man etwas den kreativen Widerstand. Wo bleibt der Cosplay gegen die Piraten der Kultur? Auf laut geäußerten Widerstand der Verleger gegen ihren eigenen Börsenverein darf man wohl kaum rechnen - so mancher zog es vor, sich zu diesem Thema nicht zu äußern. Und doch gibt es durchaus auch kritische Beobachter des Spielzeugwahns und der Self-Publishing-Ideologie, ja sogar vorsichtigen Optimismus, dass Qualität sich durchsetzen wird. Der Wallstein-Verlagschef Thedel von Wallmoden etwa ist sich sicher: „Wer die Inhalte hat, gewinnt.“ Insbesondere dem auf der Messe immer wieder vernommenen Self-Publishing-Predigerton vom Wegfall der Türsteherfunktion der Verlage stellt sich Wallmoden tapfer entgegen: Es müsse eher heißen „Only Gatekeepers“! Den Standard der Kanalisation hält er auch auf diesem Gebiet für eine zivilisatorische Errungenschaft.

Das klingt tröstlich. Dagegen jedoch steht, dass auch die klassischen Verlage und ihre Konzerne inzwischen Selfpublishing-Sparten entwickeln wie etwa Droemer Knaur mit „Neo Book“ oder die Holtzbrinck-Gruppe mit „Epubli“. Und der zweite große Auflauf dieser Messe neben Schwarzenegger, die große Hoffnung für den Umsatz der Branche wegen 50 Millionen verkaufter Bücher - er galt einer Selfmade-Traumstory: dem Erotikbestseller „50 Shades of Grey“ der schreibenden Hausfrau E.L. James.

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