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Absage der Buchmesse : Messe und Macht

Präsenzmesse sieht so aus, und in diesem Jahr wäre es in Frankfurt wohl auch genau so leer geworden. Bild: dpa

Im Mai erklärte die Frankfurter Buchmesse, sie werde nicht absagen. Nun, fünf Wochen vor Beginn, die Kehrtwendung: Im Zentrum der Absage und der Verlegung der Leipziger Buchmesse stehen die Verlage.

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          Binnen einer Woche haben die beiden großen deutschen Buchmessen (dem Publikumszuspruch nach auch die größten der Welt) zwei einschneidende Entscheidungen getroffen: Erst gab Leipzig bekannt, dass 2021 der angestammte Termin von Mitte März gegen einen in der letzten Mai-Woche vertauscht wird, dann sagte Frankfurt den diesjährigen „physischen Auftritt“ ab – also faktisch die Messe selbst, denn für eine Verlagerung geschäftlicher Aktivitäten ins Internet braucht heute kein Verlag oder Agent mehr einen Makler. Wer braucht überhaupt noch Buchmessen?

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Bisher gab es drei Interessengruppen: Verlage, Buchhandel und Lesepublikum. Leipzig setzt ganz auf Letzteres, denn gegen die während der deutschen Teilung errungene überragende kommerzielle Bedeutung der Frankfurter Konkurrenz war nach der Wiedervereinigung nicht mehr anzukommen. Als Lesefest hat sich die Leipziger Messe aber äußerst erfolgreich etabliert, und auch wenn Buchhändler dort kaum eine Rolle spielen, ist sie für Verlage ein wichtiger Imagefaktor und fürs Publikum ein großer Spaß.

          Deshalb ist die Verschiebung auf den wettersicheren Mai ein geschickter Schachzug: Platz für Massen auf der Messe dank großen Außenbereichs. Zwar werden die meisten Frühjahrsneuerscheinungen längst im Handel sein, aber die dann nahende Sommerurlaubszeit könnte Wandel provozieren: Leipzig koppelt sich vom traditionellen Novitäten-Messeverständnis ab und setzt generell auf Leselust.

          Leipzig setzt auf mehr Kommunikation

          Für die Verschiebung hat die Messegesellschaft frühzeitig Unterstützung bei den Verlagen gesucht und unter der Bedingung, dass es bei einem Mal bleibe, auch erhalten. Ob der späte Termin im Erfolgsfall nicht doch neue Fakten schaffen wird, kann man getrost abwarten; ein Risiko geht Leipzig kaum ein, denn es hat viel weniger zu verlieren als Frankfurt. Dort wurde im Mai mitgeteilt, dass man nicht absagen werde. Nun, fünf Wochen vor Beginn, die Kehrtwendung. Dem Vernehmen nach wurde die ganze Buchbranche von der Entscheidung überrascht, auch die Leipziger Kollegen.

          Das war aber nur der letzte Schritt eines Kommunikationsdesasters. Und eines Machtspiels. Im Vorfeld der Entscheidung für die Durchführung hatte sich die Frankfurter Messeleitung auf Absprachen mit den vier in Deutschland dominierenden Buchkonzernen beschränkt – Holtzbrinck, Random House, Bonnier und Bastei Lübbe –, die aber alle gar nicht selbst zur Messe wollten. Seltsamerweise dachte man in Frankfurt, das Fernbleiben all der in diesen Konzernen vereinten Verlage machte nichts aus, solange man deren Zusicherung hatte, sich am virtuellen Messeprogramm zu beteiligen. Das war ein Affront gegen die kleineren Verlage. Die reagierten anders als in Frankfurt erwartet: Statt sofortiger Standbuchungen kamen Absagen, auch von Verlagen aus der Stadt selbst wie Schöffling oder der Frankfurter Verlagsanstalt. Und bis sich mit Suhrkamp, Beck, Aufbau und Klett-Cotta vier prominente Häuser zu einem Gemeinschaftsstand durchrangen, dauerte es zwei Monate. Geistermessenatmosphäre war garantiert, weil es für eine Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse keine Signalwirkung seitens der Verlage gab.

          Auch bei der Leipziger Absage im Frühjahr hatten sie die entscheidende Rolle gespielt, ohne dass das bekanntgeworden wäre. Bereits Ende Februar hatten mehrere Verlage die dortige Messegesellschaft aufgefordert, die Veranstaltung abzusagen, weil sie angesichts der gesundheitlichen Risiken nicht antreten wollten, aber nicht aus eigenen Stücken zurückziehen konnten, weil dann trotzdem die Teilnahmegebühren fällig geworden wären. Nach Bekräftigung seitens der Messedirektion, dass die Buchmesse stattfinden werde, verstärkten diese Verlage intern ihren Druck, bis Gerüchte über den Unwillen von Ausstellern, nach Leipzig zu kommen, auch Führungskräfte der Stadt erreichten (die Eigentümerin der Messe ist). Am 3. März erfolgte die Komplettabsage. Aus heutiger Sicht war das die richtige Entscheidung, aber keine ganz freiwillige.

          Herrschte Mut oder Übermut in Frankfurt?

          Genauso richtig wäre es gewesen, gleich auch auf Frankfurt zu verzichten. Der (Über-)Mut der Ausrichter, im Angesicht der Pandemie Flagge zu zeigen, rächt sich jetzt in Gestalt eines riesigen Defizits und des Imageschadens durch die späte Absage. Dazu wird es künftige Umsatzverluste geben, weil nun erkannt werden dürfte, wie leicht eine Messe geschäftlich zu ersetzen ist. Ein Lesefest im Netz dagegen ist Nonsens. Das ist Leipzigs Chance. Auch Frankfurt will mit vielen Lesungen etwas Messeflair retten.

          Der Frankfurter Buchmessendirektor Juergen Boos hat vorgestern in der „Frankfurter Rundschau“ erklärt: „Die Buchmesse wird nicht mehr so sein, wie sie war.“ Das könnte indes nur für seine eigene Veranstaltung gelten.

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