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Frankfurter Buchmesse : „Sie nennen uns Verbrecher“

Agnes Chow und andere Hongkonger Demonstranten Bild: Picture-Alliance

Wie schreibt man, wenn alles Schreiben politisch ist – und alles Politische gefährlich? Autoren aus Hongkong, Vietnam und Malaysia berichten.

          2 Min.

          Ein bisschen überraschend ist es doch, dass einen Tag nach der Eröffnung der Buchmesse, bei der so viel vom Kampf um die Meinungsfreiheit, die Bedeutung der Literatur in autoritären Systemen und die Macht des Widerstands durch Sprache die Rede war, an diesem Nachmittag nur eine Handvoll Besucher hören will, was drei asiatische Autoren über die politische Literatur in ihrer Heimat zu sagen haben. Und dass die Diskussion dann auch noch verkürzt wird, weil im Anschluss der Chef einer Streaming-Plattform spricht. Aber vielleicht sind die Länder, aus denen sie, die mit Förderung der Goetheinstitute zur Buchmesse reisen durften, stammen, gedanklich noch zu fern für diesen ersten Buchmessentag: Chuah Guat Eng stammt aus Malaysia, Ho Anh Thai aus Vietnam und Hon Lai-Chu aus Hongkong, und sie schreiben über das Unrecht, das in ihren Ländern an der Tagesordnung ist, über politische Willkür und Diskriminierung.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Hon Lai-Chu also fängt, als sie auf die Lage in ihrer Heimat zu sprechen kommt, ganz von vorne an, erklärt das Streben Hongkongs nach Autonomie mit langjährigen Erfahrungen in der Sonderverwaltungszone und stellt fest, wie sehr die Regenschirmbewegung die Identität der Stadtbewohner verändert hat. Sie schreibt Gedichte über ihre beunruhigenden Beobachtungen dieser Tage: die Polizeipräsenz, den Verlust der Privatsphäre, die steigende Zahl der bei den Protesten Verletzten, die Berichte von Missbrauch und Gewalt in Gefängnissen. „Ich erkenne meine Heimat kaum wieder“, sagt Lai-Chu, und dass sie sich manchmal schuldig fühle, weil sie „nur“ schreibe.

          Ho Anh Thai, Chuah Guat Eng und Hon Lai-Chu im Frankfurt Pavilion

          Dann wieder erinnert sie sich an die Gründe: Literatur könne den Menschen Hoffnung geben, Verständnis vermitteln und das dokumentieren, was schieflaufe. Sie könne schmerzhafte Erfahrungen in Sprache übertragen. Sie selbst, sagt Hon Lai-Chu, habe zwar noch keine offizielle Zensur erlebt. Aber sie erinnert an die Fälle festgenommener oder verschleppter Verleger und Buchhändler. „Sie nennen es Aufstand und uns Verbrecher“, zitiert sie aus einem Gedicht. „Ich weiß nicht, welchen Plan wir verfolgen. Ich weiß nur: Wir müssen diese Stadt retten.“

          Sensible Themen sind gefährlich

          Ho Anh Thai aus Vietnam, von Beruf Diplomat, hat vierzig Bücher geschrieben. In Vietnam kämpfen Schriftsteller nach Jahrzehnten des Ausnahmezustands nun mit den zahlreichen Tabus, die der kommunistische Regierungsapparat verlangt: Es komme vor, sagt Thai, dass kritische Bücher zwar erschienen, aber dann in den politisch geeichten Medien derart attackiert würden, dass es einer Zensur gleiche.

          „Politik“, sagt Chuah Guat Eng, die Malaysierin, „ist der Grund, warum ich schreibe.“ Sie verfasst Krimis, in denen sie Rassismus, Diskriminierung und Sexismus zum Thema macht – in einem Land, das, wie sie sagt, fast ausschließlich unpolitische Bücher voller Lebensweisheiten hervorbringt. Als Malaysia in den fünfziger Jahren unabhängig wurde, entschied sich, die Nationalliteratur müsse im Dienste der patriotischen Sache stehen. Sensible Themen seien gefährlich, sagt Eng, die Bereitschaft zur Selbstzensur unter ihren Kollegen groß.

          Die Fragen, die bleiben, sind überall dieselben: Welche Chancen auf Einflussnahme haben Autoren in einem System, in dem die Meinungsfreiheit unterdrückt wird? Wie schreibt man kritisch, ohne gleich alles zu riskieren? Welche literarischen Mittel eignen sich dazu, Gesellschaftskritik subtil zu formulieren? Chuah Guat Eng schreibt keine Krimis, weil sie das Genre liebt. Sie nutzt die Form ebenso wie das Mittel der Metafiktion zu ihrem Schutz, um Repression und das Versagen des Rechtsstaats beschreiben zu können. Ist Literatur in der Lage, ein ganzes System ins Wanken zu bringen? Dafür hat Ho Anh Thai, der vorher leise und vorsichtig gesprochen hat, eine kurze, deutliche Antwort. Eine Antwort für mehr als eine Handvoll Zuhörer: „Ja. Sie kann das Beste tun.“

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