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Buchmesse : In Frankreich liebt man Berlin

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Literarische Hauptstadtkultur: Regierungschefs aus Paris und Berlin blättern gemeinsam Bild: dpa

Der Berlin-Effekt war überall: Wie Medien und Publikum in Frankreich auf junge Literaten aus Deutschland reagierten.

          „Wer kommt nach Goethe, Böll, Grass und Süskind?“, fragte sich Frankreichs Presse vor der Eröffnung der Pariser Buchmesse, auf der Deutschland Themenschwerpunkt war. Am Ende der fast einwöchigen Veranstaltung hat sie eine Antwort gefunden.

          „Die deutsche Literatur war bisher nicht von der deutschen Vergangenheit zu trennen. Die deutsche Literatur, die wir auf dem Buchsalon entdecken, ist ohne Komplexe“, schreibt „Le Monde“. „Unterhaltung hat auf einmal denselben Stellenwert bekommen wie tiefsinnige Analysen. Autoren wie Karen Duve, Herta Müller, John von Düffel stellen eine neue deutsche Wirklichkeit dar.“

          Bisher stand deutsche Literatur im Ausland für ernste, unsinnliche Bücher über Krieg und Vergangenheitsbewältigung. Mit diesem Klischee scheinen die auf der Pariser Buchmesse vertretenen deutschen Autoren und Verleger zumindest in Frankreich aufgeräumt zu haben. „Die neue deutsche Generation behandelt neue Aspekte. Sie dreht entweder ihrer Vergangenheit den Rücken zu oder schreibt auf andere Weise darüber“, berichtet die kommunistische Tageszeitung „L'Humanité“.

          Neues Image

          Auch der Sprecher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Eugen Emmerling, spricht von einem erfolgreichen Imagewechsel. „Ich glaube, uns ist es gelungen, Deutschland von einer anderen Seite zu zeigen. Man hielt deutsche Literatur lange für "uncool". Die junge deutsche Autorengeneration, die Pop-Literatur und Berlin haben die Neugierde bei unseren französischen Nachbarn geweckt.“

          Vor allem Frankreichs Presse hat zu diesem anderen Bild Deutschlands beigetragen. Das Wochenmagazin „L'Express“ und die Kulturzeitschrift „Telerama“ widmeten der deutschen Literatur eigene Kapitel, die Tageszeitungen „Le Monde“ und „Le Figaro“ ganze Sonderbeilagen. „Frankreichs Presse zeigte ein außergewöhnlich großes Interesse an der jungen deutschen Literatur“, bilanziert Emmerling. „Überhaupt war die Pariser Buchmesse ein außergewöhnlicher Erfolg. Die Beteiligung der deutschen Verlage war erstaunlich, die Neugierde des französischen Publikums groß. Außerdem haben wir bei den französischen Verlegern ein großes Interesse an Übersetzungen von Büchern junger deutscher Autoren vorgefunden.“

          Wider die Hauptstadtkultur

          Matthias Politycki, der 1997 mit „Weiberroman“ monatelang die deutschen Bestsellerlisten anführte, war ebenfalls von dem Interesse der französischen Fachwelt beeindruckt. „Ich habe viele Übersetzer und Verleger getroffen, die sich für meine Romane interessieren. Außerdem gibt es auf einmal von allen Seiten Gelder“, meinte der 45- jährige Schriftsteller. Ein Themenschwerpunkt des deutschen Veranstaltungsprogramms aus Lesungen, Podiumsdiskussionen und Performances war Berlin. „Alles wurde mit Berlin in Zusammenhang gebracht. Das hat mich etwas gestört. Ich bin gegen den Versuch, eine Hauptstadtkultur zu kreieren“, kritisierte der gebürtige Karlsruher Politycki.

          Unter den mehr als 50 vorgestellten Autoren leben und arbeiten ungefähr ein Drittel in Berlin. „Der Berlin-Effekt ging sogar soweit, dass wir, Georg Klein und ich, auf einer Veranstaltung als Berliner Autoren vorgestellt wurden“, meinte Politycki. Zugleich amüsierte er sich über den Begriff der jungen deutschen Autoren, mit dem Deutschland auf der Pariser Buchmesse warb: „Ich glaube, es gibt keine Berufskategorie in der man so lange jung bleibt.“

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