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Islands Buchmesse-Auftritt : So heiß wie ein Vulkan

  • -Aktualisiert am

Wer im Isländischen von einem krönenden Abschluss spricht, sagt: „Dies ist die Rosine am Ende des Würstchens.“ Die Buchmesse könnte dem kleinen Land schmecken.

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          Aus isländischer Perspektive ist das, was diesen Oktober hier in Frankfurt passiert, diese besagte Rosine, ein Höhepunkt, auf den die isländische Literaturszene und ihre deutschen Partner über vier Jahre hingearbeitet haben, damit wir Messebesucher nun sagen können: Mehr Island war nie! Als kleinstes Gastland, das je auf die Buchmesse kam, präsentiert Island mehr Titel als vor zwei Jahren China; Dutzende isländische Autoren sind zwischen Rendsburg und Salzburg unterwegs, Corinna Harfouch, Ulrich Matthes und Joachim Król lesen isländische Literatur vor ausverkauften Sälen.

          Bemerkenswert für ein Land, das bis vor zwanzig Jahren in der Wahrnehmung der meisten Deutschen kaum existierte. In den neunziger Jahren habe ich regelmäßig Gespräche folgenden Inhalts geführt: „Ach, dein Vater kommt aus Island. Aus welcher Stadt? Dublin?“ „Nein, Island.“ „Ach, Island. Gehört das nicht zu Dänemark?“ In den siebziger Jahren war es noch schlimmer, da musste Island diplomatisch intervenieren, um endlich auf der Europakarte der „Tagesschau“ zu erscheinen. Und als Loriot für seinen Lottogewinner Erwin Lindemann ein abwegiges Reiseziel suchte, fiel seine Wahl auf Island - damals an Absurdität nur durch Lindemanns Vorhaben zu übertreffen, in Wuppertal eine Herrenboutique zu eröffnen.

          Ein kleines Team macht großen Wirbel

          Seitdem ist viel passiert. Durch den Erfolg von Björk und die jedes Jahr steigende Zahl von Islandtouristen hat das Land viel von seiner Obskurität verloren. Dennoch rief die Ankündigung, dass Island Gastland der Buchmesse würde, im deutschen Literaturbetrieb einige Skeptiker auf den Plan. Woher sollte ein Land von 320.000 Einwohnern diese ganzen Bücher nehmen, ohne in Torfhütten Krimi-Sweatshops einrichten zu müssen? Island war doch ein Naturparadies, das nur alle fünfhundert Jahre ein literarisches Ereignis hervorbrachte.

          Die Isländer haben diese Bedenken mit großem Einsatz zerstreut und in den letzten Jahren so viele Verleger, Veranstalter und Journalisten wie möglich in ihr „sagenhaftes Island“ eingeladen, um sie bei Thule-Bier und Lammbraten mit ihrer Literatur bekannt zu machen. Darüber hinaus gab es eine Reihe von Ereignissen, die optimale Bedingungen dafür geschaffen haben, dass Island als kleinstes Gastland mit dem kleinsten Orga-Team und dem kleinsten Budget nun so einen großen Wirbel machen kann:

          Als Erstes kam die Finanzkrise. Mit der Pleite seiner drei größten Banken bewies Island eindrucksvoll, dass es nicht nur mit beheizten Bürgersteigen oder kleinen Pferden auf den Vermischtes-Seiten der Tageszeitungen von sich reden machen konnte, sondern über titelseitentaugliche Themen verfügte. Island war nicht mehr nur die naturbelassen-skurrile Insel, deren Bewohner so reich mit Fisch und erneuerbarer Energie gesegnet waren, dass ihnen die großen Probleme der Welt egal sein konnten. Viele nahmen Anteil an Islands Schicksal, um gleich darauf bewundernd zu erleben, dass die Isländer - statt Generalstreiks anzuzetteln - kreative Auswege aus der Krise suchten. Erst trommelten sie die Regierung mit Töpfen und Kochlöffeln aus dem Amt, kurz darauf begannen sie, per crowdsourcing eine neue Verfassung zu entwickeln. Und als überall im Haushalt gespart werden musste, wurde nur ein Posten von den Kürzungen verschont: der Etat zum Gastlandauftritt in Frankfurt. Als wollten die Isländer der Welt nach ihrem missglückten Ausflug ins globale Investmentbanking zeigen, dass sie sich nun wieder auf das konzentrieren, was sie schon seit Sagazeiten konnten: Geschichten aufschreiben.

          Die einzige exotische hochentwickelte Zivilisation

          Dann brach der Eyjafjallajökull aus und legte den europäischen Flugverkehr lahm. Die Weltöffentlichkeit, die sich gerade erst an das Krisen-Island gewöhnt hatte, sah nun schmelzendes Gletschereis, das eine Bergkuppe in weißen Dampf hüllte, aus dem eine pechschwarze Wolke stieg; Lavafontänen, Blitze, glitzernde Aschepartikel. Das exotische Island war mit einem großen Knall zurückgekehrt, und viele fragten sich staunend, was die Isländer sich als Nächstes einfallen lassen würden, um ihr Land in die Schlagzeilen zu bringen - und welchen unaussprechlichen Namen es haben würde.

          Während Übersetzer, Autoren und Verlage mit Hochdruck an den Büchern für das Gastlandjahr arbeiteten, ist Island durch diese Nachrichten zum rätselhaften Unbekannten von Europa geworden, dem kleinen Land mit den großen Gesten, der einzigen hochentwickelten Zivilisation dieser Welt, die wirklich exotisch ist.

          Mit einer Vorliebe für kalte, klare, karge Orte

          Natürlich sind weder der Eyjafjallajökull noch die Kaupthing-Bank literarische Ereignisse. Und doch hat die Medienpräsenz der letzten Jahre Island von seinem Erwin-Lindemann-Image befreit. Jede Nachricht von einer einbrechenden Bank oder einem ausbrechenden Vulkan hat dazu geführt, dass ein paar mehr Leser denken: „Island, da habe ich doch neulich schon mal etwas drüber gehört.“ Jede Schlagzeile ließ die Zahl der Verleger sinken, die dachten: „Island, das interessiert doch nur ein paar Wollmützenträger und Ponymädchen.“

          Denn wer so denkt, vergisst, dass die deutschen Island-Fans zwar nicht so zahlreich sein mögen wie die Spanien-Fans, dafür aber fast alle deutschen Island-Fans gern lesen. Wer nach Island fährt, mag kalte, klare, karge Orte, an denen draußen wenig passiert und drinnen dafür umso mehr, und genau dieses Gefühl ist es doch, das jeder Leser in dem Moment erzeugt, in dem er ein Buch aufschlägt.

          Vor dem ultimativen Ritterschlag

          Nun ist die Buchmesse da, und mit ihr sind es nicht nur die isländischen Bücher. Wer dieser Tage an der Frankfurter Hauptwache umsteigt, kann dem Land am Polarkreis nicht entkommen: Plakate werben für isländische Musik von der Alten Oper bis zum Mousonturm, isländische Architektur im Architekturmuseum, isländisches Design im Museum für Angewandte Kunst, die Kunsthalle Schirn zeigt gleich zwei Ausstellungen mit Werken isländischer Künstler. Der Beweis, dass Island mehr ist als Vulkane und Pferde, ist erbracht.

          Und der ultimative Ritterschlag steht Island noch bevor. Am Sonntag der Buchmesse wird dem Land die größte Ehre zuteil, die das intellektuelle Deutschland zu vergeben hat, eine Ehre, die sonst nur Kanzlern und Päpsten zuteil wird: Es wird in der Brotfabrik mit großem Aufwand von der Titanic beim „Großen feierlichen Island-Verachtungs-, Verhöhnungs- und Beschimpfungsabend“ aufs Korn genommen. So weit wird es nie wieder ein Gastland bringen.

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