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Frankfurter Buchmesse : Das Schreiben in den Zeiten des P-Books

  • -Aktualisiert am

Machtsignal oder Verzweiflungstat? Ein Bücherturm auf der Frankfurter Buchmesse beschwört die Herrschaft des gedruckten Wortes.. Bild: dpa

Absatzeinbrüche und Urheberrechtschaos, „Crossmedia“ und literarische Eierbecher: In Frankfurt traf sich eine völlig verunsicherte Branche zur Buchmesse .

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          Das Ende einer Kultur kündigt sich meistens in den Dingen an, die sie hervorbringt. Im Falle der Frankfurter Buchmesse waren das diesmal auffallend viele hier so genannte „Non-Books“. Produkte, die mit Büchern auch im weitesten Sinn überhaupt nichts zu tun haben, gab es hier zwar schon immer, aber die Flut an Eierbechern, Kerzenhaltern, Handtaschen, Aufziehfiguren, Spielsachen und einer geschlagenen Halle voller Audi-Fahrzeuge hatte die Buchmesse dann doch noch nie mit einer solchen erschlagenden Wucht überrollt.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Den klassischen Buchhandlungen brechen die Umsätze weg, selbst die großen Buchhandelsketten müssen ihre Verkaufsflächen verkleinern oder eben das Sortiment erweitern, und während einige renommierte Buchhandlungen schon konkret darüber nachdenken, Kaffee und Geschenke ins Sortiment aufzunehmen, um die Ladenmieten zahlen zu können, schlug auch auf der Buchmesse die große Stunde des Nichtbuchs, und das Ergebnis war eine betretene Stille.

          Helden der Messe verschwunden

          Diese Buchmesse war leise und leer. Ob dies schon als Zeichen schwindender Kräfte einer Branche zu sehen ist, die sich von mehreren Seiten bedroht sieht, oder vielmehr als Ruhe vor dem aufziehenden Sturm, wird sich zeigen - die Verunsicherung war jedenfalls mit Händen zu greifen. Und während es Eierbecher und anderes Zeug in rauhen Mengen gab, waren die eigentlichen Helden der Messe teilweise einfach verschwunden: Der für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominierte Autor Jan Brandt, der zu Beginn der vergangenen Woche noch bei der Preisverleihung im Frankfurter Römer saß, reiste am Tag darauf ab und am Donnerstag wieder an, weil ihm für die Zwischenzeit niemand ein Hotelzimmer spendieren konnte. Martin Walser kam nur für einen Nachmittag nach Frankfurt, diverse Verlage verzichteten auf ihre traditionellen Messepartys, und sogar der eigentlich als Geldmaschine geltende Taschen-Verlag hatte die Messe gleich ganz geschwänzt.

          Der Vorsteher des Deutschen Börsenvereins, Gottfried Honnefelder, rief bei der Eröffnung der Buchmesse den Verlegern tapfer zu, sie seien nicht nur in zweiter, sondern in erster Linie Kaufleute - was im Kern darauf hinauswollte, dass auch die Buchmesse ein Problem hat, wenn ein Geschäftsmodell, das letzten Endes auf dem Verkauf von geistigem Eigentum basiert, nicht mehr funktioniert. Sechzig Prozent der genutzten elektronischen Bücher würden derzeit illegal heruntergeladen, sagte er. Längst stehen Verleger vor denselben Problemen wie die Produzenten in der Musikbranche. Der Autor verliert seine Autorität, die auch während der Messe von einem Dutzend unverwüstlicher Anhänger der Piratenpartei geforderte Abschaffung des Kopierschutzes wirft ihre Schatten voraus. Die Messe selbst scheint allerdings uneins, wenn es um die Frage geht, wie diesen Problemen in Zukunft zu begegnen ist. Einerseits forderte man zwar eine Rückbesinnung auf die klassischen Verlegerkompetenzen und betonte, wie wichtig das solide Aufspüren, Begleiten und Präsentieren von schönen, guten, diskussionswürdigen Texten gerade in einer Zeit der digitalen Informationsflut sei. Andererseits setzt man auf Kooperation mit genau jenen Medien, von denen man sich im Grunde bedroht fühlt.

          In dem geschliffenen, irgendwie abgeschmirgelt aussehenden Bau, den Audi der Buchmesse hinterlassen hatte und der wie ein Ufo den zentralen Platz des Messegeländes besetzt hielt, waren jedenfalls wieder die Computerspiel-, die Filmbranche und diverse Multimedia-Unternehmer geladen, um zusammen mit den sichtbar ins argumentative Hintertreffen geratenen Buchmenschen zu überlegen, wie sich Texte künftig gemeinsam vermarkten lassen. Wie schwierig das ist, wurde zwar schon an den Begriffen deutlich, mit denen hier hantiert wurde: Von „Crossmedia“ war hier die Rede, und man wusste bald nicht mehr, ob es sich dabei um ein neues Audimodell handelte, das von „content professionals“ mit einem effektiven „Storydrive“ ausgerüstet worden war; aber gemeint war allen Ernstes das gute alte Buch, das hier, um im Bild zu bleiben, von einer neomedialen Vermarktungsmeute rhetorisch plattgefahren wurde.

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