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Buchmessenzeitung : Seinetwegen musste mein geliebter Chef gehen

  • Aktualisiert am

Bestimmt seit 45 Jahren die Geschicke in der F.A.Z.-Literaturredaktion: Monika Kunz Bild: Felix Seuffert

Marcel Reich-Ranicki dachte, sie wolle ihn vergiften, doch die Angst legte sich. Ein Gespräch mit der geheimen Chefin der Literaturredaktion der F.A.Z. seit 1967: Monika Kunz.

          3 Min.

          Was schleichen Sie hier so herum?

          Wir möchten ein Interview machen mit der höchsten Literaturinstanz der F.A.Z.

          Jetzt passt es jedenfalls gerade gar nicht.

          Dann kommen wir in einer halben Stunde noch mal.

          Im Grunde passt mir das sowieso überhaupt nicht.

          Aber Frau Kunz, Sie sind doch die einzige, die über alles Bescheid weiß, was in den letzten 45 Jahren im Literaturbetrieb und hier auf dem Flur passiert ist.

          Das stimmt natürlich. Fast.

          Und Sie haben sie alle gehabt: Michaelis, Bohrer, Reich-Ranicki, Schirrmacher, Seibt, Steinfeld, Spiegel, jetzt erstmals eine Frau.

          Aber dazu sag ich nix.

          Och. Erzählen Sie doch wenigstens, wie es damals mit MRR war.

          Wenn ich Ihnen jetzt sage, dass das die lustigste Zeit überhaupt war, dann glauben Sie mir das ja eh nicht. Damals wurde, nur zum Beispiel jetzt, viel mehr gefeiert und gestritten. Aber da ging es natürlich auch um was. Um politische Überzeugungen. Zu Bohrers Zeiten gab es hier richtige, na ja, Prügeleien auf dem Flur.

          Prügeleien in der F.A.Z.? Das kann nicht sein! Stimmt es denn, dass Sie die einzige sind, vor der MRR Angst hat?

          Wer sagt denn so was? Es sei denn, Sie haben von den Storys gehört, die Reich-Ranicki jahrelang selbst erzählt hat, nämlich dass er in den ersten F.A.Z.-Monaten Angst hatte, dass ich ihn vergiften würde. Den Kaffee, den ich ihm gebrüht habe, hat er aber trotzdem getrunken.

          Und stimmt es, dass Rolf Hochhuth Ihnen Blumen schickt?

          Ja, das... Was glauben Sie eigentlich? Dass ich irgendwelche indiskreten Dinge über Autoren erzähle? Ich hab jetzt wirklich keine Lust mehr zu diesen Albernheiten.

          Eine ganz kurze Frage nur noch: Was war denn früher besser?

          Sie sollten wirklich lieber Staubsaugervertreter werden, so wie Sie die Leute nerven, wenn Sie einmal einen Fuß in der Tür haben.

          Was war denn nun früher besser?

          Da gab’s noch keine Buchmesse-Zeitung.

          Waren Bücher früher auch besser?

          Das kann man so nicht - obwohl: doch. Sie waren interessanter, weil es nicht nur um die Befindlichkeiten einzelner Schriftsteller ging.

          Gehen Sie auf die Buchmesse?

          Auf keinen Fall! Das habe ich hinter mir. Dieses Gewimmel. Ständig fallen sich da irgendwelche Leute in die Arme, und heimlich gucken sie schon, wer zwei Meter weiter steht, damit sie dem dann in die Arme fallen können. Früher dachte ich mal, ich müsste die Pressedamen, die ich ständig am Telefon habe, auch einmal gesehen haben. Und zum Bücherangucken muss ich da ja nicht hin. Die meisten habe ich vorher sowieso auf dem Schreibtisch gehabt.

          Und die Autoren?

          Ach, Autoren. Auf der Messe sind doch vor allem diese Mini-Schriftsteller, sooo mini, die irgendwie drei Termine ergattert haben und jetzt mit ihrem Kalender rumwedeln und durch die Hallen laufen.

          Warum wollten Sie eigentlich unbedingt zur F.A.Z.?

          Das wollte ich gar nicht. Das war Zufall. Eine Freundin, die hier gearbeitet hat, wollte ein Jahr nach England und hat mich empfohlen. Rolf Michaelis hat mich einen Brief schreiben lassen, und damit war ich eingestellt. So ging das damals: mit Vertrauen. Das war 1967.

          Wie war der denn, der Michaelis?

          Als Mann jetzt nicht unbedingt mein Typ, irgendwie zu süß. Aber das muss ja auch nicht sein. Der hat hier Spuren hinterlassen, das weiß kein Mensch mehr. Zum Beispiel hat er Kürzel eingeführt: „Bibe“ für „Bitte bestellen“. Das schreiben wir bis heute in die Verlagsvorschauen. Man könnte ja auch Kreuzchen machen.

          Ja, könnte man nicht auch Kreuzchen machen?

          Nein.

          Und seitdem sind Sie hier? Und wollten nie mehr weg?

          Oh doch! Als ich gehört habe, dass MRR kommt, wollte ich unbedingt weg. Das können Sie ruhig schreiben, das weiß er.

          Was hatten Sie denn gegen ihn?

          Seinetwegen musste doch mein geliebter Chef gehen. Bohrer. Aber das können Sie auch in MRRs Biographie nachlesen. Kennen Sie solche Menschen wie Bohrer überhaupt noch?

          Na klar.

          Das bezweifle ich, das kann ja jeder sagen.

          Werfen Sie doch für uns einen Blick in die Zukunft. Wie sieht es in zwanzig Jahren aus mit der Literatur?

          Ach. Vielleicht gibt es das alles gar nicht mehr. Zum Beispiel so eine dicke gedruckte Literaturbeilage. Was da für eine Arbeit drinsteckt. Die kann man doch nicht auf irgendeinem Bildschirm lesen.

          Was müsste denn passieren, dass die Literatur wieder besser wird?

          Es bräuchte mal wieder mehr Autoren, die nicht nur um sich selbst kreisen, die wirklich etwas zu erzählen haben. Und jetzt reicht es mir wirklich, dass Sie hier die ganze Zeit in meinem Büro herumhängen.

          Wer wird denn in zwanzig Jahren die Literaturredaktion leiten?

          Raus!

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