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Friedensnobelpreis für Liu : Der Tag des Bluthochdrucks in China

  • -Aktualisiert am

Am 1. Januar 2010 in Hongkong demonstrierten Tausende gegen die Verhaftung Liu Xiabos Bild: dpa

Die Verleihung des Friedensnobelpreises an den inhaftierten Demokratieverfechter Liu Xiaobo hat das offizielle China erschüttert. Die Intellektuellen aber feiern die Entscheidung als Meilenstein für ihr Land.

          Bis zuletzt scheint die chinesische Regierung nicht an den Friedensnobelpreis für Liu Xiaobo geglaubt zu haben. Die Bekanntgabe konnte im chinesischen Internet noch live verfolgt werden. Gleich danach begann für die Zensoren der Wettlauf mit der Zeit. Wen man in China eine halbe Stunde später auch fragte, alle wussten von der Neuigkeit schon über SMS oder Twitter. Eine Flut von Kurzmitteilungen muss sich schon in den ersten Minuten danach durch den chinesischen Äther bewegt haben.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Auf einem im Festland beliebten Internetforum des Hongkonger Fernsehsenders Phoenix stellte ein Blogger mit dem Namen „Idiotisches China“ eine österreichische Münze des Astronomen Galileo Galilei ins Netz und schrieb dazu: „Die chinesische Regierung hat außenpolitischen Druck ausgeübt, aber wenn das funktioniert hätte, wäre es so gewesen, als wenn sich die Sonne um China dreht.“

          Cui Weiping, eine Dozentin an der Filmhochschule, die sich schon zuvor für Liu eingesetzt hatte, ließ sich über Twitter vernehmen: „Wir sind nicht einsam, Bruder Xiaobo. Es hat sich gelohnt für Dich. Ihr Verurteilten mit gutem Herzen: Die ganze Welt ist bei Euch.“ Die Frau des wie Liu inhaftierten Aids-Aktivisten Hu Jia schrieb gleichfalls per Twitter: „Ich freue mich für ihn und für die chinesische Zivilgesellschaft.“

          8. Oktober 2010: Polizisten und Wachleute sperren den Appartementkomplex in Peking ab, in dem Liu Xiaobo bis zu seiner Inhaftierung lebte

          Eine Stunde später dann brachte die Nachfrage bei der größten chinesischen Suchmaschine, Baidu, folgenden Bescheid: „Die Ergebnisse entsprechen nicht einschlägigen gesetzlichen und politischen Regelungen und werden deshalb nicht angezeigt.“ Textbotschaften mit den chinesischen Schriftzeichen für Liu Xiaobo wurden gesperrt. Noch zwei Stunden später beschäftigen sich die Abendnachrichten im ersten Kanal des Staatssenders CCTV mit den starken Regenfällen in Hainan, der Europareise von Ministerpräsident Wen und mit den beiden Pandabären in Spanien, die dank künstlicher Befruchtung Nachkommen erhalten haben. Über den ersten Nobelpreis für einen im Lande lebenden Chinesen dagegen kein Wort.

          „Eine Schande für die Regierung“

          Das entspricht der bisherigen offiziellen Linie, den Fall Liu Xiaobo komplett zu tabuisieren. Wer von ihm nicht ohnehin schon weiß oder sich in den entsprechenden intellektuellen Milieus aufhält, dürfte in China also auch jetzt kaum etwas über ihn erfahren. Genauso wenig war im englischsprachigen CCTV-Kanal und bei den Nachrichten des Hongkonger Senders Phoenix von Liu die Rede: Dort informierte nur ein Nachrichtenband darüber, dass das chinesische Außenministerium die Auszeichnung als Schande für den Nobelpreis bezeichnet hat.

          Der Künstler Ai Weiwei dagegen, der am Telefon sehr aufgeräumt klang, nennt den Preis eine Schande für die Regierung. Sie bekomme da eine Lektion erteilt, dass es nicht reiche, ein Wirtschaftsgigant zu werden, wenn man nicht zugleich auch Grundrechte wie das auf Versammlungs- oder Meinungsfreiheit garantiere. Dieser Preis sei ein klares Signal für die Zukunft: „Jeder, der sich in China für Gerechtigkeit und Frieden einsetzt, wird sich darüber freuen“, sagte Ai Weiwei dieser Zeitung. Zumal, da es sich bei Liu Xiaobo um einen sehr rationalen und sanften Menschen handele. Auf Twitter hatte Ai Weiwei schon in Anspielung auf Lius persönliche Erklärung, er habe keine Feinde, geschrieben: „Der Mann ohne Feinde findet am Ende Freunde, bravo!“

          Verbreitet Hoffnung

          In letzter Minute hatte noch eine Gruppe von chinesischen Regimekritikern im Exil versucht, den Preis an Liu gerade mit dem Hinweis auf seine Versöhnlichkeit zu verhindern. In der Tat hat Liu immer wieder jene in der Demokratiebewegung kritisiert, die weiterhin der Logik der Revolution verfallen seien; sie wollten alles oder nichts und könnten daher nicht die für wirklich demokratische Prozeduren nötige Geduld und Wahrhaftigkeit aufbringen (Liu Xiaobo: Der chinesische Anti-Revolutionär). Ebendiese Haltung aber hat Liu Xiaobo in den letzten Jahrzehnten auf dem chinesischen Festland Respekt auch bei solchen Intellektuellen eingebracht, die seine stark vom universalistischen Diskurs des Westens geprägten Ideen nicht teilen. Bei allen, die sehen konnten, war klar, dass er mit irgendwelchen „antichinesischen“ Verschwörungen, die ihm die Regierung immer unterstellte, nichts zu tun hatte. Deshalb zeigten sich auch viele seiner Kritiker schockiert, als Liu im vergangenen Dezember zu elf Jahren Haft verurteilt wurde.

          Seine Unterstützer, die schon im September gefordert hatten, ihm den Nobelpreis zu verleihen, strichen damals gerade heraus, dass Liu für eine „friedliche politische Reform“ stehe. Dieser Umstand sei für die ganze Welt wichtig, denn „ein Weltfriede ohne Frieden in China“ sei schwer vorstellbar. Auch der Philosoph Xu Youyu von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften schrieb in einem persönlichen Aufruf, was diesen öffentlichen Intellektuellen neben seinem Eintreten für die Menschenrechte auszeichne, sei vor allem seine „Praxis von rationalem Dialog, Kompromiss und Verzicht auf Gewalt“.

          Und jetzt scheint, gerade auch unter jungen Leuten, viel auf seine Ehrung angestoßen zu werden. Das berichtet der bekannte Schanghaier Kulturkritiker Zhu Dake am Telefon, der seit langem mit Liu befreundet ist. Es handele sich bei der Preiszuerkennung vor allem um eine geistige Unterstützung für unabhängige Intellektuelle, meint er. Und er hofft, dass der Nobelpreis für Liu der Regierung helfen werde, die politischen Reformen voranzutreiben.

          Diese Hoffnung ist verbreitet. Auch Gao Zhen vom Pekinger Künstlerduo Gao Brothers hält die Auszeichnung für einen großen Ansporn für die Demokratie. Freitag war denn auch, das immerhin vermeldeten die Abendnachrichten des Staatsfernsehens, der Tag des Bluthochdrucks in China.

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