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Sofi Oksanen: Fegefeuer : Du alte Fliege, wenn ich dich kriege

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Von der Allgegenwart der Gewalt und dem weiblichen Talent zur Umkehr: Die schrille Erfolgsautorin Sofi Oksanen hat die traumatische Geschichte Estlands zur Familientragödie verdichtet.

          Schrill und intellektuell, knallig und ernsthaft: wer Bilder Sofi Oksanens betrachtet, ist erst einmal verblüfft über die widersprüchliche Selbstinszenierung dieser Schriftstellerin und Dramaturgin in der Öffentlichkeit. Halb düstere Gothic-Göttin, halb luftige Märchenfee oder extravagante Diva, setzt sich die finnisch-estnische Bestsellerautorin mit allen weiblichen Reizen in Positur. Die verfilzten Dreadlocks sind kunstvoll zu einem Kopfputz drapiert, Augen und Mund maskenhaft stark bemalt. Oft tritt sie in bis zum Boden wallenden Wickelkleidern auf, die mit roten Stöckelschuhen kombiniert werden. Nichts an dieser überreizten Inszenierung ist dem Zufall überlassen. Selbst der Riss im Bild scheint einkalkuliert. Die grünen Augen hinter dem Metallbrillengestell einer Musterschülerin blicken ruhig und kraftvoll auf die Welt. Und dieser entschlossene Blick setzt alle vorschnellen Einordnungen des exzentrischen Outfits wieder außer Kraft.

          Sofi Oksanens in Finnland sehr erfolgreicher Roman „Fegefeuer“ thematisiert die traumatische Geschichte Estlands im Zweiten Weltkrieg, dessen Bevölkerung zwischen die Fronten der Großmächte geriet und dabei förmlich zerquetscht wurde. Um die Schmerzerfahrung und die fatale Ausweglosigkeit des verratenen und sich selbst verratenden Volkes darzustellen, verklammert Sofi Oksanen das Bedeutende mit dem Unbedeutenden; das Politische mit dem Privaten; die Geschichte eines geschundenen Landes mit dem misshandelten Körper zweier unterschiedlicher Frauenfiguren; das von Krieg, Okkupation, Genozid und Deportation traumatisierte Estland mit der Tragödie einer ganzen Familie.

          Das malträtierte Mädchen

          Die vom Leben gebeutelte und illusionslos gewordene Aliide Tru findet 1992, ein Jahr nach der Befreiung des Landes aus den Fängen der Sowjetunion, im Garten ihres Bauernhauses in einem estnischen Dorf die halbtote Zara – zufällig, wie sie zunächst glaubt. Das malträtierte Mädchen, eine Russin aus Wladiwostok, das von ihrer Großmutter Estnisch lernte, hatte sich aus Berlin hierhergeflüchtet. Erst durch den Mord an ihrem Zuhälter gelang ihr die Befreiung von den Qualen sexueller Ausbeutung. Mit dem Versprechen auf viel Geld hatte sie sich leichtgläubig aus Sibirien in die deutsche Hauptstadt locken lassen – weg von der Mutter, unter deren apathischer Stummheit und Lieblosigkeit sie eine Kindheit lang litt. Rettungslos verstrickt im Netz von Brutalität, Ausbeutung und Drogen, flüchtet sie intuitiv dahin, woher ihre Familie ursprünglich stammte und wo sie einmal ein schönes Leben kannte – nach Estland. Trotz abgrundtiefem Misstrauen nimmt die hart gewordene Frau das Mädchen in ihr Haus auf und erweckt es langsam wieder zum Leben.

          Die stockende, argwöhnische Bewegung der beiden ungleichen Frauen aufeinander zu geschieht unwillkürlich, schicksalshaft, instinktgesteuert. Beide haben sie unter Despotismus, Demütigung und Ausbeutung gelitten: das Mädchen als Kind einer vom Krieg traumatisierten und deportierten Mutter und später als Prostituierte. Die alte Frau durch das Martyrium von Verhör, Vergewaltigung und Folter, das sie während der kommunistischen Okkupation wegen Unterstützung von Widerstandskämpfern erleiden musste. Sie beschützte ihre Schwester und deren Mann, in den sie selbst verliebt war, vorerst und versteckte sie in ihrem Haus. Später verriet sie aus Groll über die verschmähte Liebe ihre Schwester und deren Tochter und lieferte sie damit der Deportation nach Sibirien aus.

          Der letzte Akt einer Familientragödie

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