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Peter Wawerzinek: Rabenliebe : Einer fiel aus dem Rabennest

Bild: Verlag

Ein Thema wie ein Bombengürtel: Peter Wawerzinek hat seine mutterlose Kindheit in ostdeutschen Heimen als großen Schmerzensmonolog literarisiert.

          Vielleicht hat er mit dem Wort „Heimsuchung“ deshalb nie etwas anfangen können, weil es auf sein eigenes Leben so erschreckend genau zutraf. Dieser Leidensweg durch ostdeutsche Kinderheime der fünfziger Jahre, den Peter Wawerzinek jetzt in der Ich-Perspektive als großen Schmerzensmonolog literarisiert hat, könnte jedenfalls statt „Rabenliebe“ ebenso gut „Muttersuchung“ heißen. Denn dass der 1954 in Rostock geborene Schriftsteller bis heute an „Muttersucht“ leidet, er den „Mutterruch“ in der Nase vermisst und den „Mutterschatten“, der an ihm vorbeihuscht, das ist die Erschütterung, die sein Wesen bis zum heutigen Tag bestimmt. Fast zehn Jahre hat der einstige Stegreif-Poet vom Prenzlauer Berg geschwiegen, nachdem er in den neunziger Jahren mit Werken wie „Das Kind, das ich war“ und „Fallada, ich zucke“ hervorgetreten war. Jetzt fand er in der ungeklärten Frage, warum seine Mutter ihn verlassen hat, die literarische Matrix für ein neues Buch.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Halb verhungert fand man den Zweijährigen 1956 zusammen mit seiner Schwester in der Wohnung, in der die Mutter die Kinder Tage zuvor zurückgelassen hatte. Sie war in den Westen gegangen, der Vater unbekannt. Der kleine Peter kam noch einmal mit dem Leben davon, aber über seine „mutterlosen ersten vier Lebensjahre“ weiß der Sechsundfünfzigjährige bis heute nichts. Er hat niemanden, der ihm Vorfälle aus der frühen Kindheit überliefern, niemand, der sich für ihn erinnern kann. Der Anfang von allem ist für immer gelöscht. Erst als Vierjähriger tritt er aus dem Nebel der Vergessenheit hervor und gibt sich dem erinnernden Schriftsteller als der Kümmerling zu erkennen, der er 1958 war. Im Osten feiern die Bürger den russischen Sputnik I im All, zwischen West und Ost hängt der Segen schief, und Peter, das ramponierte Kind, wird wieder in ein neues Heim gebracht und dort einem Arzt zur Begutachtung vorgeführt. Der Junge ist mager, zurückgeblieben, und er spricht nicht. Am meisten aber irritiert die Anwesenden, dass das Kind, als der Arzt das Wort „Mutter“ laut ausspricht und ihm dabei den Puls fühlt, nicht reagiert. Das Wort, erinnert sich Wawerzinek fünfzig Jahre später, flog durch seinen Kopf hindurch „wie ein Pfeil durch eine leere Halle“. Es bedeutete nichts.

          Das geht nicht immer gut

          Auf mehr als vierhundert Seiten hat Peter Wawerzinek sich seine Wut, seine Trauer und seinen Hass über die verlorene Kindheit von der Seele geschrieben. Sein Text, der nur selten von Absätzen unterbrochen wird, ist ein einziger Aufschrei – als hätte der Verfasser beim Schreiben nicht einmal Luft geholt, sondern seine ganze Erbitterung, seinen Groll und seinen Furor über das Erlittene in einem einzigen wortgewaltigen Kraftakt hinaus in die Welt geschleudert. Der Ansatz mag therapeutisch richtig sein: Hier schreibt ein Mensch im wahrsten Sinne um sein Leben. Literarisch aber ist der kühne Ansatz nicht ohne Risiko, denn der Autor hat keinen doppelten Boden, keine Fangleinen, keine Sicherungsrhetorik eingebaut. Stattdessen überträgt er die Zerrissenheit seines Ich-Erzählers eins zu eins in sprunghafte Assoziationen. Das geht nicht immer gut.

          Zweifellos findet Wawerzinek Bilder von großer trauriger Schönheit, etwa wenn er sich erinnert, wie er als sprachloses Kind im „Haus Sonne“ Franz von Assisi gleich mit den Vögeln sprach und ihre Laute perfekt nachzuahmen verstand. Prägnant ist auch der Moment, als er erkennt, wie ihn die eigene Erinnerung in die Irre führt. Dass Peter nur dreizehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von einem Chauffeur ins Kinderheim gebracht wird, wie er Jahrzehnte später felsenfest glaubt, ist ausgeschlossen. Trotzdem fährt das Waisenkind auf seiner Erinnerungsreise in einer Limousine ins Heim und nicht, was der Wahrheit näher kommen dürfte, mit dem Sammeltransporter. Wenn Peter wieder von den Schwestern im Gitterbett festgebunden wird, flüchtet er sich in Schattenspiele an der Zimmerdecke: Gaukeleien gegen die Trostlosigkeit, die nicht zu heilen ist, sondern mit ihm, Wawerzinek, „groß wird und erst zum Lebensende hin, am Schluss mit mir sterben wird“.

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