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Martín Kohan: Sittenlehre : Der Gebrauch des Menschen

Bild: Verlag

Eine kurze, böse Internatsgeschichte: Martín Kohan spiegelt im Seelenleben einer Aufseherin die argentinische Gesellschaft der achtziger Jahre.

          4 Min.

          Im Colegio Nacional, dem Elitegymnasium von Buenos Aires, das der argentinischen Nation schon seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hochrangige Politiker, Militärs und Figuren des öffentlichen Lebens schenkt – darunter auch den Verfasser dieses Romans –, herrscht eine Ordnung ganz eigener Art. Die Schülerinnen zum Beispiel dürfen ihr Haar nur in Zöpfen oder im Pferdeschwanz tragen, welche mit Hilfe von Haarnadeln und einer blauen Spange zu fixieren sind. Die Jungen wiederum tragen ihr Haar kurz, was bedeutet: „die Ohren frei und im Nacken ein zwei Finger breiter – zwei Finger einer durchschnittlich großen Hand – ausrasierter Streifen zwischen Kragen und Haaransatz. Was die Strümpfe angeht, gilt für alle: blau und aus Nylon.“ Natürlich muss es Personal geben, das die Einhaltung des Regelwerks sorgfältig überwacht und bei Zuwiderhandlung auf Korrektur besteht. Diese Aufgabe übernehmen die Aufseher.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Der Roman „Sittenlehre“ ist aus der Sicht einer Aufseherin geschrieben. Dafür benutzt der 1967 geborene Martin Kohan nicht die Ich-Form, die sich durchaus angeboten hätte, sondern die sogenannte personale Erzählweise. Es ist, als stünde der Erzähler dicht hinter der zwanzigjährigen María Teresa und hätte die Gabe, ihren Gedanken und Empfindungen zu lauschen, ohne den Drang zu verspüren, sie zu beraten oder vor Fehlern zu warnen. Der Reiz dieser Perspektive besteht in den Brüchen, die sich zwischen Wirklichkeit und Figurenwahrnehmung auftun, denn was im Colegio Nacional wirklich der Fall ist, wird dem Leser ziemlich schnell klar: Es ist eine Anstalt, die den Schülern Bildung, Drill und patriotisches Denken einpflanzen soll. Als solche steht die Institution im Dienst der jeweils herrschenden Macht. Und da der Roman 1982 während des Falkland-Kriegs spielt, sind die Echos der Propaganda des argentinischen Militärregimes bis hinter die Schulmauern zu hören und finden in Liedern und patriotischen Übungen ihre Entsprechung.

          Wenn sie nicht weiterweiß, greift sie zum Rosenkranz

          María Teresa, eine unsichere, wohlmeinende Seele, übt ihren Beruf erst seit kurzem aus und hat wenig vom Leben gesehen. Zu Hause wartet vor dem stummen Bildschirm nur die niedergedrückte Mutter, der sie die einsilbigen Postkarten des Bruders vorlesen muss, der eingezogen wurde und der Falkland-Front immer näherrückt. Wenn sie nicht weiterweiß, greift sie zum Rosenkranz. Mehr ist von der jungen Frau kaum zu vermelden. Ein verhuschtes Leben, das verpasst zu werden droht, eine Existenz, die nach Licht und Orientierung sucht. Kohans große Leistung besteht darin, aus dem fehlgeleiteten Ethos der Aufseherin einen Spiegel der argentinischen Gesellschaft jener Jahre und autoritärer Systeme überhaupt zu machen.

          Dass das Politische privat ist und umgekehrt, dafür liefert dieser Roman ein Beispiel, das abwechselnd Lachen und Schaudern auslösen könnte: Um Herrn Biasutto, den schnurrbärtigen Oberaufseher, zu beeindrucken, will María Teresa die Schüler beim heimlichen Rauchen erwischen. Zu diesem Zweck wagt sie sich nicht nur bis in die Knabentoilette vor, sondern geht nach immer mutigeren Erkundungen dazu über, sich während der Unterrichtszeit in einer Toilettenkabine einzuschließen. Bei den Jungen, wohlgemerkt. Sie will auf dem Posten sein, wenn die verbotene Tat verübt wird. Und damit öffnet sich für sie ein neues Universum.

          Manche Situationen sind peinigend und komisch zugleich

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