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Mariam Kühsel-Hussaini: Gott im Reiskorn / Thomas Lehr: September. Fata Morgana : Kalligraphien des Krieges

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Bild: Verlag

Wie viel Reibung der Welten halten wir aus? Mariam Kühsel-Hussaini und Thomas Lehr erzählen von den Grenzen des Dialogs zwischen Orient und Okzident. Trotz denkbar entgegengesetzter Herkunft kommen sie sich überraschend nah.

          Hinein – in die Kreuzung der Welten! Hinein in unsere tiefsten Erzählungen, hinein in jene zwei so majestätischen Metaphern Orient und Okzident.“ Das muss man sich erst einmal trauen, ob als blutjunge Debütantin oder als gestandener Romancier von Rang. Aber wenn es gelingt, wenn Orient und Okzident sich vermischen wie Poesie und Prosa, wie Jubel und Klage, wie Gefühl und Gedanke, Glaube und Zweifel, dann wird diese Begegnung für die Dauer der Lektüre zum Fest.

          Der Nahe und der Mittlere Osten haben sich als politische Kriegsschauplätze in unserer nachrichtenfixierten Vorstellung vom märchenhaften Orient fast vollständig gelöst. Nicht einmal als touristische Ziele kommen sie derzeit ernsthaft in Betracht. Doch in diesem Herbst hat die Flaschenpost der Kulturen unverhofft gleich zwei Magnums zu Wasser gelassen, die die Entfernung in den Köpfen mit einer Eleganz überwinden, die ihren großen Vorläufern der west-östlichen Disziplin nicht nachsteht.

          Thomas Lehr, Jahrgang 1957, hat mit „September. Fata Morgana“ sein bisher ehrgeizigstes Werk vorgelegt, einen homerischen Gesang über den 11. September und den Konflikt zwischen zwei voneinander so faszinierten wie verstörten Kulturen, während die gerade dreiundzwanzigjährige Mariam Kühsel-Hussaini mit „Gott im Reiskorn“ ein sprachlich so überraschendes wie gedanklich kühnes Debüt über ihre afghanische Familie geschrieben hat. Und wenngleich jedes der Werke für sich ein Ereignis darstellt, so ermöglicht die gleichzeitige Lektüre ebenjenen Dialog zwischen den Kulturen, an dessen Möglichkeit beide Schriftsteller zweifeln, einen Austausch, wie er sich vielstimmiger, anregender und tiefgründiger nicht denken lässt. Beide Romane erzählen von der Notwendigkeit und der Lust der Einfühlung, aber auch von ihren Grenzen – und sie überzeugen, weil die Sprache, die sie für ihr Misstrauen finden, diese Grenzen transzendiert.

          Form innerer Monologe

          Im Mittelpunkt von Thomas Lehrs „September. Fata Morgana“ steht 9/11, wobei der eigentliche Tag, an dem die Flugzeuge aus blauem Himmel ins World Trade Center rasten, nur in sparsamen Schilderungen aufscheint. Hauptstimme in Lehrs vierköpfigem Chor ist der deutsche Literaturwissenschaftler Martin, der an der University of Massachusetts in Amherst Germanistik lehrt. Er verliert bei dem Anschlag seine Tochter Sabrina und seine Ex-Frau Amanda. Wie es der grausame Zufall will, hatte Sabrina ihre Mutter, die im World Trade Center arbeitete, noch kurz im Büro besuchen wollen, bevor sie mit ihrem Freund nach Kalifornien aufbricht. Obschon sie sich nie begegnen, ist Martins Gegenüber der Iraker Tarik, ein liberaler, weltoffener Arzt, der in Frankreich studiert hat und mit Frau und drei Kindern in Bagdad lebt. Seine zweite Tochter Muna wird drei Jahre nach den New Yorker Anschlägen, in den letzten Tagen des Irak-Kriegs, bei einem Bombenattentat in Bagdad getötet.

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