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Jaron Lanier: Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht : Der fremdeste Ort der Welt

Bild: Verlag

Wissen wir, wie wenig wir über das Internet wissen? Jaron Lanier warnt vor gefährlichen Entwicklungen und fordert die digitale Emanzipation.

          Auf Seite 57 ist Schluss. Warum sollte man mit der Lektüre eines Buches fortfahren, dessen Autor von denkender Software und zum Leben erwachenden digitalen Superorganismen berichtet und dann auf Seite 57 allen Ernstes das Problem diskutiert, ob man eher Tintenfische, Hühner oder Ziegen in seinen persönlichen „Kreis der Empathie“ einbeziehen sollte?

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Autor dieses seltsam anmutenden Werks entwickelt zunächst eine erfreuliche klare Haltung. Er entscheidet sich gegen Hühner, diese „gefiederten, servogesteuerten Maschinen“. Aber als habe er Angst vor der eigenen hühnerfeindlichen Courage bekommen, folgt sogleich der Rückzieher: „Andererseits empfindet einer meiner Kollegen, der virtual reality-Forscher Adrian Cheok, solche Empathie für Hühner, dass er Teleimmersionsanzüge für sie baute, damit er sie von seiner Arbeitsstätte aus telestreicheln konnte. Wir alle müssen mit unserer unvollkommenen Fähigkeit leben, die Grenzen unseres Empathiekreises in geeigneter Weise zu bestimmen.“

          Wer nicht bereits vor der Lektüre dieses Buches Zweifel an der Beschaffenheit seines persönlichen Empathiekreises hegte, dürfte spätestens an dieser Stelle die Neigung verspüren, das Buch in die Ecke zu pfeffern. Denkende Software? Hühner in Teleimmersionsanzügen? Das Internet als gottähnliches Lebewesen? Geht‘s noch?

          Internetrecherche ist zur Selbstverständlichkeit geworden

          Weil das Buch jetzt in der Ecke liegt, hat man Zeit, im Internet schnell mal nachzusehen, was ein Teleimmersionsanzug eigentlich ist (kein Treffer) oder ob ein empathiegeladener Telestreichler namens Cheok überhaupt existiert. Binnen Sekunden zeigt sich, dass Adrian Cheok zwei Professuren innehat, als Direktor dem Mixed Reality Lab der Universität von Singapur vorsteht und zehn computerwissenschaftlichen Fachzeitschriften als Herausgeber oder Beirat verbunden ist.

          Es ist noch gar nicht so lange her, da hätte eine solche Recherche großen Aufwand bedeutet. Ein junger Wissenschaftler, sei er Kybernetiker oder Altphilologe, ist in keinem Brockhaus verzeichnet. Man brauchte Bibliographien oder am besten den Bestandskatalog einer großen Universitätsbibliothek, um herauszufinden, ob ein Wissenschaftler existierte oder womöglich nur eine Erfindung war. Der vor wenigen Jahrzehnten undenkbare Vorgang der Internetrecherche ist uns zur Selbstverständlichkeit geworden. Wir haben fast schon vergessen, wie die Welt ohne Internet aussah, aber sind noch nicht so weit, dass wir historische Romane zu diesem Thema lesen wollen. Sie werden geschrieben werden.

          Jaron Lanier ist Entdecker, Eroberer und Missionar

          Wir wissen in der Regel nicht, wie das Internet funktioniert, können nicht beschreiben, wie es darin aussieht und haben keine Ahnung, was mit uns passiert, wenn wir uns dort aufhalten. Vielleicht ist das Internet der fremdeste Ort auf unserem Planeten. Mit Sicherheit ist es der einzige fremde Ort, den wir betreten, ohne uns vorher zu fragen, was uns dort widerfahren könnte. Wenn wir vor die Aufgabe gestellt würden, eine Landkarte des Internets zu zeichnen, könnten die meistens von uns nichts zu Papier bringen und müssten die weiße Fläche mit jener Aufschrift versehen, die antike Kartographen benutzten, um unerforschte Länder und Erdteile zu kennzeichnen: Hic sunt leones.

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