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Ian McEwan: Solar : Du musst dein Klima ändern

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Bild: Verlag

Nobelpreiswürdige Bärendienste: Mit „Solar“ vergiftet Ian McEwan die Atmosphäre im Wissenschaftsbetrieb - und heizt die Leserstimmung an.

          5 Min.

          Als er für einen seiner Romane in Erfahrung bringen wollte, wie man eine Leiche am effizientesten zersägt, einen Chirurgen traf und ihn danach fragte, legte der seinen Kopf schräg und erwiderte: „Sie müssen dieser Ian McEwan sein.“

          Schon wieder. Mit böser Beharrlichkeit hing McEwan seit Mitte der siebziger Jahre der Beiname „Ian MacAbre“ an, da er in die feinsatirisch getönte Gesellschafts- und Bildungsromanwelt Englands hineingeplatzt war wie ein ausgehungerter Kannibale in einen wohlgenährten Renommierclub des britischen Unterhauses. Mutwillig trieb er es noch toller als sein Vorbild Philip Roth: McEwan war hart am Rande der Vorzeigbarkeit mit seinen rituell morbiden und erotisch hochgeheizten Geschichten, dem „Zementgarten“ und dem „Trost von Fremden“ – und Giftlilien waren sie allesamt, die er in den Tintenschlossgarten des Belletristikadels pflanzte zur Erinnerung daran, dass mit jähen Kapricen des limbischen Systems ebenso zu rechnen war wie mit dem eigenen Tod.

          Wenn er jemanden ermorden ließ, stellte er sich vor, er selbst sei das Opfer; ihn „normal“ zu nennen, hieß es damals süffisant, wäre doch vielleicht „etwas übertrieben“. Ob es um Minderjährigeninzest ging oder um eine Ratte, die an Stelle der Frau in der Nachbarwohnung Mutter und dafür erschlagen wird: McEwan beschwor Schlimmstmögliches herbei, wusste nicht recht, warum, nur gemeingefährlich sollte es sein, und wurde so selbst den Linken zum „Feind in unserer Mitte“. Auch das Angebot jenes Chirurgen, ihm doch bei der Montagmorgen-Autopsie Gesellschaft zu leisten, schlug er aus: Im Grunde könne er genauer beschreiben, was realitätsfern seiner eigenen Phantasie entwachsen war.

          Über Versehen, Intrige und vergebliche Wiedergutmachung

          Erst mit „Abbitte“ (2001) schrieb er sich frei von seiner inzwischen schlachtreifen Schreckreputation. Dieser Roman glich von Anbeginn einem Wunder: McEwan kritzelte wochenlang an einer Figur herum, erwachte in seinem Tagtraum plötzlich auf dem Landsitz von Briony Tallis 1935 und war wie ein zeitverkehrter Rip Van Winkle in jene Jugend des Romans zurückgelangt, in der man ein solches Werk über Versehen, Intrige und vergebliche Wiedergutmachung kraft Literatur noch hatte schreiben können, ohne als epigonaler Reaktionär zu gelten. Mochte „Abbitte“ manchen Kritikern auch wie eine aus dem neunzehnten Jahrhundert geraubte Kopie eines Romangemäldes von Austen und Dickens vorkommen, mit ein paar Pinselstrichen Virginia Woolfs obendrauf: ein für alle Mal schien McEwan an der Seite von Jonathan Franzens „Korrekturen“ die ohnehin müßige Frage beantwortet zu haben, was Hochliteratur im Zeitalter massenmedialer Konkurrenz zu leisten imstande sei.

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