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Ian McEwan: Solar : Du musst dein Klima ändern

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Kaum aber, dass dieser neue Ian McEwan geboren war, trat er mit „Saturday“ (2005) auch schon eine verbale Operation Iraqi Freedom los: Kollege John Banville, Kontrahent im Rennen um den Booker Prize in jenem Jahr, verglich McEwan mit dem „kriegslüsternen Tony Blair“ – und der Preis ging dann auch an Banville. Blogger, die frivol genug waren, ihre unbesonnen opportunen politischen Ansichten ernst zu nehmen, schichteten Exemplare des Romans in ihren Vorstadtgärten zu kleinen Scheiterhaufen hoch und stellten „die Aktion wider den undeutschen Geist“ von 1933 für ihr Großbritannien nach – „mit schlechtem Gewissen“, gaben sie zu: „der globalen Erwärmung wegen“. Und sie drohten dem Autor mit paradoxer Besessenheit ebenjene Gewalt an, die Henry Perownes Familie durch die Kriminellen in „Saturday“ – Spiegelfiguren der Terroristen von 9/11 – erdulden musste, und versicherten ihm, er werde nicht so heil davonkommen wie sein Neurologenmonster Perowne, sollte er ihnen auf gut Glück des Nachts über den Weg laufen.

Handwerk des subtilen Perspektivenwechsels

Perowne war für ihren problembewussten Geschmack offenbar allzu wohlhabend und glücklich verheiratet; und dass eine solch satte Ausgeburt stolzen „Spätkapitalismus“ die bloße Möglichkeit auch nur erwog, der Irakkrieg könnte eine Rechtfertigung haben, während Millionen gegen den „Imperialismus“ oder, je nach Standpunkt, für das Recht auf Folter und Demokratiefreiheit demonstrierten, kam einem Gedankenverbrechen gleich. Wenn das alles doch nur nicht immer so brillant geschrieben wäre.

Längst benötigt McEwan keine Kritikerempfehlungen mehr – seine Romane zu lesen bedeutet, damit nicht mehr aufhören zu können und sich vorab darüber zu grämen, dass auch sie irgendwann zu Ende sind. Sowenig McEwan Gott in seiner Gedankenwelt gebrauchen kann und Heilige wie Updike, Nabokov, Roth nur aus dem Schattenreich der Literatur: zumindest für seine Romane verlangt er eine Autorenpräsenz, die gottgleich über allem wacht, pointierte Komik, beherrschte Ausgelassenheit und jenen berühmten ersten Satz, der zunächst ihn, dann zielgenau auch den Leser in sein neuviktorianisches Knusperhaus locken wird, um hinter beiden das Tor fest zu schließen. Vom handlungslahmen Modernismus nimmt er sich nur das Handwerk des subtilen Perspektivenwechsels, um wie seine Leser dann glücklich in einen neuen Kosmos wegtauchen zu können.

So wurde McEwan zum Gegenstück aller exklusiv erfolglosen kleinen Becketts dieser Welt: Er gehört zu jenem seltenen Schriftstellertypus, der stets ein Notizbuch voll unverbrauchter Romanhandlungen in Bereitschaft hält. In seiner altmodischen Freude am Abenteuer pflegt er einen Angriffsstil, dem noch die passionierteren McEwan-Gegner anheimfallen, bis es ihnen selbstvergessen gleichgültig wird, wie konstruiert seine horror- und thrillergeschult scharfkonturierten Plots und wie psychologisch glaubwürdig die Figuren daherkommen mögen: Schon wir, die realen, nehmen uns ohnehin wenig wahrscheinlich aus. Kaum ein Romancier der Gegenwart beherrscht die Kunst der Lesertelepathie so unverhohlen und triumphal.

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