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Hannah Arendt und Gershom Scholem: Der Briefwechsel : Der große Nationalist und die Intellektuelle

Bild: Verlag

Ihre Briefe sind ein historisches Dokument: Gershom Scholem und Hannah Arendt schätzten einander, aber ihre Unterschiede wurden zum Widerspruch.

          Man ist geneigt, die Sätze, die Benjamin dem Roman „Der Idiot“ widmete, auf Gershom Scholem zu beziehen, den engsten Freund, den Benjamin damals, um 1920, und wohl jemals hatte: „Das Schicksal der Welt stellt sich Dostojewski im Medium des Schicksals seines Volkes dar. Das ist die typische Anschauungsweise der großen Nationalisten, nach der die Humanität nur im Medium des Volkstums sich entfalten kann.“ Scholem lebte und dachte aus der Gewissheit des Judentums, das er sich freilich auf sehr eigene Weise auslegte, nämlich in der Gestalt seiner Mystik, der bislang verachteten Kabbala, die er erforschte – aber ebenso als Volkszusammenhang, als genealogische Kette, und schließlich als „Zion“, wie der Ausdruck lautete, den er für seine neue Heimat bevorzugte.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Nun war Hannah Arendt alles mögliche: eine bedeutende Philosophin und intellektuelle Schriftstellerin, vor allem sicher eine geniale Zeitdiagnostikerin – von ihrem Lehrer Martin Heidegger hatte sie nicht umsonst gelernt, dass das „Ereignis“ zur philosophischen Kategorie werden kann. Nur gerade eine große Nationalistin war sie nicht. Ihre jüdische Erfahrung, wenn man das so sagen darf, war eine der prekären Lage in Europa, des Paria-Seins, des Antisemitismus, der schwierigen Situation Rahel Varnhagens – all diesen Momenten widmete sie Bücher oder Essays. Ihre Haltung dürfte der heutigen Intelligenz vermutlich einleuchtender sein, während man seit Solschenizyns Tod einen „großen Nationalisten“ nicht mehr leicht finden wird. Ihr Blick aufs Jüdische und der von Scholem waren von Beginn an so unverwechselbar, dass sich der grundsätzliche Unterschied mit der Zeit zum Widerspruch auswuchs. Zion war für Scholem seit seiner Jugend ein Stern, nicht so für Arendt. Davon berichtet dieser Briefwechsel.

          Eine Philosophin muss keine Menschenkennerin sein

          Im Zeichen Benjamins, mit dem auch Hannah Arendt sich im Pariser Exil angefreundet hatte, stehen viele dieser Briefe. Gleich der erste vom Mai 1939 berichtet von Hannah Arendts „großen Sorgen“ um „Benji“. Aber diese Sorgen – materieller Art, nachdem das Institut für Sozialforschung sein Stipendium aussetzte – waren nur ein Vorspiel für die größeren, die in der unbesetzten Zone Frankreichs, und nach Internierungen, nun kamen. Schon der zweite Brief, am 21. Oktober 1940 aus Montauban gesendet, meldete Benjamins Selbstmord, mit der Beifügung: „Juden sterben in Europa und man verscharrt sie wie Hunde.“ Im Oktober 1941 schreibt sie ihm aus New York, und in diesem Brief finden sich nun die merkwürdigsten Einzelheiten über Benjamins letzte Lebensmonate. Unheimlich sind die rechtfertigenden Andeutungen über den Selbstmord, die Benjamin ihr schon früh machte und die sie hier überliefert.

          Dann geht es um das Nachleben Benjamins, dem beide Briefpartner sich verpflichtet sehen. Eine Philosophin muss keine Menschenkennerin sein. Was Hannah Arendt an Scholem über die Lage des Benjamin-Nachlasses aus den Vereinigten Staaten meldete, war so verzerrt von ihren Zu- und in diesem Fall eher Abneigungen, dass man nur den Kopf schütteln kann. Über Max Horkheimer finden sich die schärfsten Worte – hier stimmt Scholem ihr auch bei. Ihn hatte Horkheimers Essay über „Die Juden und Europa“ erbittert, in dem der Leiter des Instituts für Sozialforschung gut marxistisch immer noch daran festhalten wollte, das Ziel der Pogrome sei eigentlich die Einschüchterung der Arbeiterschaft. Sie deutet an, das Institut – eine „Bande“ – werde Benjamins Nachlass vermutlich sekretieren und für eigene Arbeiten selektiv ausbeuten. Scholem bleibt in diesem Punkt weit gelassener, vor allem unterschiebt er Adorno keine illoyalen Motive, wie es Hannah Arendt ziemlich ungehemmt tat.

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