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Fritz J. Raddatz: Tagebücher 1982 - 2001 : Der Mann ohne Mitte

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Bild: Verlag

Selten lasen sich fast tausend Seiten so spannend, so klug und so komisch - aber auch so traurig und so gnadenlos bösartig: Die Tagebücher des großen Kritikers, Lebemanns und selbsternannten Indiskretins Fritz J. Raddatz haben es in sich.

          Fast tausend Seiten Tagebuch – rezensiert man nun einen Menschen oder ein Buch? Schwierig.

          Die ersten Sätze, 1982: „Ein Tagebuch. Es schien mir immer eine indiskrete, voyeurhafte Angelegenheit, eine monologische auch – ich möchte nie ‚hinterher, wenn die Gäste weg sind‘, aufschreiben, wie sich Augstein oder Biermann, Grass oder Wunderlich benommen haben.“

          Natürlich tut er genau das. Natürlich ist ein Tagebuch genau dafür da, nicht nur, aber auch. („Hat es nicht etwas Unreinliches und Lächerliches zugleich, wenn ich nun hier sitze und den gestrigen Abend mit Günter Grass aufschreibe, während der seinerseits vermutlich zu ebendieser Stunde an seinem Schreibtisch sitzt, um ebendiesen Abend aufzuschreiben?“) Auf Seite 821, am 1. Juni 2000, urteilt der Herausgeber dieser Zeitung, Frank Schirrmacher, schon über das, was er da vorweg auszugsweise gelesen hat: „Das ist der bundesdeutsche Gesellschaftsroman, der nie geschrieben wurde.“

          Wie kein Zweiter

          Ist er das? Ja und nein. Es ist eben kein Roman, es ist ein Tagebuch, sowohl ganz sicher geschönt und frisiert wie auch ganz sicher mit Lust boshaft austeilend. Fast dreißig Jahre deutscher Kultur- und Literaturbetrieb, aufgezeichnet von einem Mann, der Verleger, Feuilletonchef der „Zeit“, Essayist, Romanautor war und ist und das alles in- und auswendig kennt wie kein Zweiter. Erfolgreich, angeschwärmt, verachtet, missachtet, nie genug gewürdigt, unzählige Male verletzt, als Homosexueller ausgegrenzt, als Literat nicht ernst genommen, als Freund enttäuscht. Schwankend zwischen tiefen Minderwertigkeitsgefühlen und arrogantem Hochmut – eine gefährlich explosive Mischung für alle, die da in die Nähe geraten.

          Dennoch: Selten ließen sich fast tausend Seiten so rasch, so spannend, so klug, so komisch, so unfassbar traurig und so gnadenlos bösartig weglesen wie die dieses Tagebuchs. Aber Vorsicht, überall ist Gift ausgelegt, man erstickt daran. Das Gift der Überheblichkeit, der Missgunst, des bösen Klatsches. Fühlt man sich aber gerade elend, kommt wieder eine Passage von so umwerfender Komik, Eleganz und Scharfsichtigkeit, wie es eben nur FJR kann.

          Ich weiß nicht, wer „die Mondäne“ ist, die da durch sein Leben wirbelt, bis er ihr nach Jahrzehnten – wie irgendwann allen – die Freundschaft aufkündigt, weil sie eben nur noch eine „Geist-Ziege“ ist: Zuvor schildert er ihr Flattern und Schnattern, ihr oberflächliches Nippen an Kunst, Leben, Essen, ihr Maserati-Tempo, ihr Geschrei, dieses „fliehende Pferd“, das alles anknabbert und mitten im Satz schon weitergaloppiert zum nächsten Häppchen von was auch immer: „Vor Gier nach Genuß kommt sie nicht zum Genießen“, und er erzählt das so wortsatt und prall, dass das allein schon ein Roman ist. „Die Mondäne“ ist nun unsterblich. Wie auch Raddatz’ Schwester, die unglückliche, umgetriebene „Schnecke“, in deren Leben nichts klappt.

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