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Daniel Mendelsohn: Die Verlorenen : Erinnerung ohne Erlösung

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Bild: Verlag

Daniel Mendelsohns Suche nach sechs von sechs Millionen ist ein Sachbuch von unglaublicher Virtuosität und fesselnd wie ein Krimi.

          4 Min.

          Obwohl dies ein besonders gutes Buch ist, muss man es manchmal weg legen. Man kommt an Stellen, die den Leser mitnehmen, so wie man es von einem aufwühlenden Ereignis sagt: Das hat mich ganz schön mitgenommen. Auf den ersten Seiten deutet nichts darauf hin. Es beginnt wie ein perfektes erzählendes Sachbuch, mit der Erinnerung des Autors an seine große und kuriose Familie. Im Mittelpunkt der Erinnerung steht die lustige, skurrile Figur des Großvaters. Parallel dazu wird der Leser in die Exegese der Schöpfungsgeschichte eingeführt. Daniel Mendelsohn versucht sich an einer biographisch-kritischen Methode, er liest die Geschichte von Adam und Eva, von Kain und Abel und von der Arche Noah wie ein Muster der Erfahrungen späterer Erdenbewohner, zunächst seiner eigenen, dann, je weiter die Suche nach den Verlorenen voranschreitet, auch der seiner erweiterten Verwandtschaft. So findet das hier beschriebene Schicksal der sechs durch deutsche Soldaten ermordeten Verwandten des Autors ein Echo in der Bibel, wird ihr Fragment gebliebenes Leben in einen universellen Text eingefügt.

          Das reflektiert das Problem, vor dem Autor stand: Wie interessiere ich die Leser für die Suche nach dem Schicksal von sechs entfernten Verwandten, von denen nur wenige Fotos und Briefe, die sie an die Familie in den Vereinigten Staaten geschickt hatten, den Krieg überdauert haben. Was ist an diesem Großonkel Schmiel, seiner Frau und ihren vier Töchtern, das man ihre Geschichte so genau wissen möchte? Das Publikum ist doch über großartige Bücher und Filme – man denke an Claude Lanzmanns Shoah, und ambitionierte Ausstellungen, Gedenkstätten und Museen – gut informiert über den Mord an den europäischen Juden? Der deutsche Name einer heute polnischen Kleinstadt, Auschwitz also, ist doch die zentrale politische und moralische Metapher unserer Zeit. Was ist da noch zu zeigen?

          Ein schwarzes Loch, das alle menschlichen Dimensionen verzerrt

          Über die schwarze Prominenz von Auschwitz schreibt Mendelsohn einen genervten Absatz. Denn tatsächlich führt ihn seine Reise auch in die dortige Gedenkstätte, seine Geschwister drängen ihn dazu, obwohl von den sechs verlorenen Familienmitgliedern dort niemand gestorben ist. Er hat schon vorher keine Lust hinzufahren, und wie es dann manchmal so ist auf Reisen, prompt trifft er auf eine Reisegruppe, die seine böse Vorahnung noch übertrifft. Frauen mit Rucksäcken, von denen eine, mitten auf dem Appellplatz ausruft: „Wenn ich nicht sofort ein Evian bekomme, kippe ich um.“ Auschwitz ist ein derart übermächtiges Symbol, dass es wie ein schwarzes Loch alle menschlichen Dimensionen verzerrt. Doch all die Metaphern vom Mord im industriellen Maßstab, von der Bürokratie des Todes, die unser Bild von der Shoah bestimmen, passen nicht auf Verbrechen, die vor den Augen der Nachbarn begangen wurden. Darum geht es in diesem Buch: Den Mord an den europäischen Juden wieder in den Singular, zum Mord an diesen europäischen Juden zu übersetzen. Das schafft ein ungeheueres literarisches Problem, denn der geneigte Leser folgt so einem Vorhaben wohl für die Länge eines Artikels, aber auf so vielen hundert Seiten?

          Hier kommt Daniel Mendelsohn zunächst sein außergewöhnliches literarisches Talent zu Gute. Wie so viele amerikanische Autoren beherrscht er es meisterhaft, etwa die Stimmung, die Details eines Interieurs zur Teestunde bei einer Zeitzeugin wiederzugeben und darüber hinaus einen wirklichen Spannungsbogen zu schaffen und zu halten. Der Leser wird hier nicht allein an brisante moralische und historische Fragen herangeführt, das Buch ist vor allem äußerst spannend. Mit dem Geschick eines Krimiautors – der Mord an den Juden ist ja auch ein Kriminalfall – führt er neue Zeugen ein, entdeckt überraschende Indizien und lässt die Annahmen, die sich der Leser bis dahin gebildet hatte, in sich zusammen fallen.

          Die Aufklärung schafft keine Erleichterung

          Mendelsohn reist nicht nur in die Ukraine, in das Dorf, aus dem seine Familie stammt, sondern weiter nach Australien und Israel. Er schafft es, aus diesem weltweiten Netz der Zeugen die Mikrodynamik des kleinen Städtchens zu rekonstruieren. Denn der Mord an Schmiel und seinen Töchtern hinterließ die unterschiedlichsten Schuldgefühle. Da waren die wenigen Juden, die sich verstecken konnten, die anderen, die in der Judenpolizei mitgemacht haben. Obwohl die alleinige und objektive Schuld bei den deutschen Soldaten und SS-Männern lag, entwickelten die den Toten nahe stehenden Überlebenden quälende, lebenslange Schuldgefühle. Sie wirkten auch in die überlebende Familie in den Vereinigten Staaten: Schmiel war auch nach Amerika emigriert, seinerzeit, ist dann aber, angesichts der dortigen harten Bedingungen, in die Heimat zurückgekehrt, ins sichere Glück: In Boleschow, da war er wer. Der Chef des Fleischerkartells, Besitzer mehrerer Lastwagen und Vater hübscher und gebildeter Töchter. Es gibt dann, ab 1939, die immer drängenderen Briefe an die amerikanische Verwandtschaft, ihm mit Geld und Papieren zu helfen. Diese Briefe trägt der Großvater des Autors stets mit sich, in einer seltsam geformten Brieftasche, die der Enkel von Kindheit auf bestens kennt, ohne zu ahnen, welches Familiendrama dort bewahrt ist, und dass der heitere, feine Großvater daran innerlich zerbricht.

          Der Leser kann sich, darin liegt die Pointe des Buches, dem Fortgang der Ermittlungen nicht entziehen. Hat man die Lektüre begonnen, ist man für alles andere verloren. Doch die Aufklärung, die in den vielen Reisen, Ermittlungen und Gesprächen vollzogen wird, schafft keine Erleichterung. Irgendwann wird klar, dass der ursprüngliche Zustand, als die sechs Personen noch wirklich verloren waren, man außer Fotos und einigen Angaben nichts hatte, für den Leser gnädiger war. In dieser Geschichte ist die Erinnerung nicht das Geheimnis der Erlösung.

          Die deutsche Ausgabe dieses Buches ist ein Wagnis besonderer Art. Denn kein Leser kann sich um den Gedanken mogeln, dass er, wenn er nur ebensolchen Fleiß entwickeln würde, in seiner oder einer anderen deutschen Familie womöglich den finden würde, der Schmiel und Frydka Jäger, die er nicht kannte und die ihm nichts getan hatten, aus ihrem Versteck gezogen hat, um sie vor einem Apfelbaum zu erschiessen.

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