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Anna Katharina Fröhlich: Kream Korner : Ein Geruch von Ziegenfell, Senf und Sesam

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Bild: Verlag

Zum Niederknien: In ihrem Roman „Kream Korner“ entführt uns Anna Katharina Fröhlich nach Indien und entfaltet dort literarischen Eigensinn.

          Da sprießen zu viele Adjektive, denkt man nach den ersten Seiten, da hätte hier und dort die Gartenschere, mit der die Erzählerin sonst exzelliert, etwas coupieren können. Aber dieser erste Eindruck wird bald von anderen abgelöst. Mit ihrem zweiten Roman, für den sie sich nach ihrem 2004 erschienenen Debüt „Wilde Orangen“ lobenswert lange Zeit genommen hat, erweist sich Anna Katharina Fröhlich als Schriftstellerin, die man nicht mehr bloß als Hoffnung oder Begabung ansprechen kann. Es ist mehr als großes Talent, was dieser überwiegend in Indien spielende Roman vorführt; da ist etwas accompli und beweist eine ganz eigene und eigensinnige literarische Kraft.

          Der Eigensinn zeigt sich schon im Farbfimmel dieses detailhungrigen Buchs. Kleider sind hier nicht grün, sondern schlangenhautgrün, tümpelgrün oder nilgrün; eine Kordhose ist kichererbsenfarben, drachenblutfarben – nicht leicht zu finden auf der Palette – ein Seidenstoff; er könnte auch goldkäfer- oder gletscherseefarben sein. Was den aus Stretchjeans quellenden Po der Rivalin betrifft, so ist er freilich „mehlwurmfarben“. Der Blick einer Frau auf ihre Rivalin kann sehr kalt sein, was sich die Ich-Erzählerin humoristisch zunutze macht.

          In den Händen des Mehlwurms

          Es ist nicht die geringste Stärke dieses Romans, dass seine Erzählerin die Welt humoristisch nimmt. Nicht ohne Grund sind Gogol und Laurence Sterne zwei ihrer literarischen Heiligen. Indien ohne Humor zu nehmen wäre allerdings wohl auch eine quälende Angelegenheit. Dort, im Schoße der unermesslich reichen und ebenso trägen Sikh-Familie Bill, deren ältester Sohn am Ende doch in die Hände des Mehlwurms fällt, verbringt die Erzählerin mit ihrer Tante den Großteil des Romans, der wie ein dreiteiliger Klappaltar aufgebaut ist. Links und rechts sind wir in Indien, der mittlere Teil schildert bukolisch-elegisch ihr zurückgezogenes Leben in einem Landhaus in der südfranzösischen Provinz, in dem die Tante botanisiert, der Onkel dem Tod entgegen dämmert und die Erzählerin sich in der Wintereinsamkeit von einem fetten ukrainischen Masseur den Rücken knacken lässt und sich nach Indien sehnt.

          Nach Martin Mosebachs Roman „Das Beben“ und seinem Reisebuch „Stadt der wilden Hunde“ als deutschsprachiger Autor noch einmal über Indien zu schreiben erfordert gesundes Selbstbewusstsein oder kluge Schülerschaft. Wer diese Bücher gelesen hat, muss nicht mehr nach Indien fahren, weil Indiens Essenz dort hineingepresst ist. Erstaunlicherweise gelingt diese Kunst auch in Fröhlichs Roman. Das Familienoberhaupt Mr Singh Bill, verwitwet bald auch er, ist eine ebenso plastische Figur wie alle andern Bills, die sich jeden Abend zu einer Spazierrunde treffen, bei der nicht mehr Pantoffeln in Form venezianischer Gondeln, sondern Adidasschuhe unter den weißen Saris hervorlugen. „India is changing“ ist das Wort der Stunde, und tatsächlich ersetzt ein „Hitachi 1080“ nach dem Tod seiner Frau Mr Bills Hausaltar. Aber das ewige Indien bleibt sich dann doch immer gleich, wie es uns die Autorin in schöner, langschwingender Prosa mit einer Neigung zur Reihenbildung vor Augen und Nasen führt, wie etwa bei dieser Billschen Safari-Fahrt: „Geruch von Weizen, Senf und Sesam, Geruch von Ziegenfell, Schlamm und Steinstaub, von Früchten und Jasmin drang in die offenen Fenster, durch die Händlerstimmen eindringlich ihre Waren anpriesen, durch die sich bei jedem Halt etwas streckte, eine offene Almosenhand, eine kleine, schmutzige Kinderhand, eine harte Frauenhand, ein Tablett voll weißer Rüben, eine Orange oder der Kopf einer Kuh.“

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