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Literaturnobelpreis für Vargas Llosa : Die Verteidigung der Freiheit

  • -Aktualisiert am

Mit Worten gegen Worte kämpfen: Mario Vargas Llosa Bild: picture-alliance/ dpa

In Mario Vargas Lllosa verbinden sich glücklich ein ästhetischer und ein politischer Geist. Die ideologischen Verirrungen seiner Heimat machten ihn zu einem glühenden Verteidiger individueller Freiheit, der die ganze Weite liberalen Denkens durchmisst. Aus einer Laudatio von Frank Schirrmacher.

          „Romane zu schreiben“, so hat er einmal notiert, „ist ein Aufstand gegen die Wirklichkeit, gegen Gott, gegen die Schöpfung Gottes, die die Wirklichkeit ist.“ Literatur ist ein Aufstand, das heißt: ein Akt der Befreiung. Sie versorgt mit Alternativen, Optionen, aber ehe sie es tut, muss sie den Mut haben, das was ist, nicht als etwas anzuerkennen, was notwendig so und nicht anders sein kann. Das ist ästhetisches Allgemeinwissen. In die Sprache der Politik und Gesellschaft übertragen aber heißt das, es ist die Geburt des Individuums aus dem Geist einer Rebellion. Anders als es die schöngeistigen Schwärmer meinen, befeuert diesen Aufstand nicht nur die Suche nach den letzten Wahrheiten, nach Gott, nach der Schönheit. Das alles sind Ewigkeitsfragen.

          Es geht auch eine Nummer kleiner. Es geht darum, dass man das Vorhandene in Frage stellt, weil man will, das es dem Individuum besser geht: geistig - gewiss -, aber auch sozial und ökonomisch. Viele Schriftsteller haben im totalitären zwanzigsten Jahrhundert daraus den Schluss gezogen, kollektivistische Ideologien seien gleichsam die realpolitische Version der literarischen Utopie. Ich kenne nur wenige, die zu einer Zeit, als noch großer Mut zu diesem „Aufstand“ gehörte, den anderen Weg gingen: die die bescheidene Frage nach dem kleinen Glück stellten; die Respekt hatten vor dem Willen und Wollen des Einzelnen und seiner Sehnsucht nach Wohlfahrt. Für die Jahre zwischen 1960 und 1989 kenne ich nur einen, der über literarischen Weltrang verfügt, einen, der wusste, wovon er redet, weil er aus einer Gegend stammt, die seit Generationen zum Laboratorium von Ideologien und Diktaturen geworden ist: Mario Vargas Llosa.

          Es muss Anfang der achtziger Jahre gewesen sein, als ich ihn zum ersten Mal traf, im Hause von Siegfried Unseld, der in Deutschland sein kongenialer Verleger wurde. Es war ein Abendessen. Am Tisch wurde politisiert. Einer, ein typischer westeuropäischer Intellektueller der damaligen Zeit, beklagte das Ausbleiben der sozialistischen Revolution in Südamerika und fragte Llosa, in völliger Verkennung seines Gesprächspartners, ob dieses Ausbleiben nicht die Tragödie seines Kontinents sei. Darauf Llosa: „Ich glaube, der typische Südamerikaner will nicht so leben wie in Kuba oder in der DDR. Ich glaube, der typische Südamerikaner würde gerne so leben wie Sie.“

          Mario Vargas Llosa und Frank Schirrmacher bei der Verleihung des Freiheitspreises in der Frankfurter Paulskirche

          Die Lehre aus dem Zerfall

          Mit sechsundzwanzig Jahren veröffentlicht Mario Vargas Llosa seinen ersten Roman und betritt sofort, nein, nicht die Bühne der Literatur, sondern die der Weltliteratur. 1962 war das, und mit Recht spricht einer seiner großen Bewunderer, Daniel Kehlmann, von einem in jeder Hinsicht „ungeheuerlichen Werk“.
          „Die Stadt und die Hunde“ erzählt, basierend auf eigenen Erfahrungen, vom brutalen Alltag in einer peruanischen Militärschule. Wer den europäischen Schulroman kennt, von den berühmten Passagen in den „Buddenbrooks“ bis zum „Schüler Gerber“, der lese dieses Buch: Hier wird eine Sozialisation, eine Prägung beschrieben, für die das Vokabular zivilisierter Unterdrückungssysteme nicht mehr ausreicht. Es ist jenseits davon.

          Vor einem Jahr hat Llosa diesem Erstling gleichsam aus dem Rückblick geantwortet, mit seinem gleichfalls autobiographischen Roman „Das böse Mädchen“. Hier spannt sich die Handlungszeit von den fünfziger bis in die späten achtziger Jahre. Es ist eine Rekapitulation von Geschichte aus der Perspektive des halben Emigranten, überreich, um das nur beiläufig zu erwähnen, an jenem Humor, der für Llosa typisch ist, eine Gesellschafts- und Mentalitätsgeschichte im kleinen, vor allem eine Liebesgeschichte. Aber zugleich ist es eine politische und eine Wirtschaftsgeschichte.

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