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Literaturnobelpreis für Vargas Llosa : Die Verteidigung der Freiheit

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Im Hintergrund des Romans nämlich spielt sich der politische und ökonomische Verfall von Peru ab, und hier geht es um Dinge, die wir heute ein klein bisschen anders lesen als zuvor. Der Onkel des Erzählers berichtet in Briefen über die Lage in der Heimat, am Schluss nur noch mit kaum leserlicher Schrift, und der Erzähler ist, während er als Kosmopolit in der Welt unterwegs ist, und nun hören wir Llosa selbst, „Schritt für Schritt den wirtschaftlichen Katastrophen gefolgt - Inflation, Verstaatlichung, Bruch mit den Kreditorganisationen, Preis- und Devisenkontrolle, Rückgang der Beschäftigung und des Lebensstandards -, die Alan Garcias Maßnahmen dem Land bescherten“.

Ein engagierter Literat

Man muss daran erinnern, dass Llosa im März 1988 die Freiheitsbewegung „Moviemento Libertad“ gründet und im Juli 1989 die Präsidentschaftskandidatur für Liberale und Bürgerliche in der FREDEMO übernahm. Einer der Gründe war die von Garcia durchgeführte Verstaatlichung der Banken und die Aussicht, das sein potentieller Nachfolger Fujimori die Dinge radikalisieren würde. Llosa behielt Recht; das Fujimori-Regime drohte mit der Aberkennung seiner Staatsbürgerschaft, und auch die Tatsache, das Fujimori später mit Haftbefehl gesucht wurde, war keine Genugtuung, sondern nur eine traurige Bestätigung eines Mannes, der nicht bestätigt werden wollte.

Llosa gehört wie die anderen großen südamerikanischen Autoren, man denke an Borges und Cortazar, zu jener Riege literarischer Begabungen, die die Immigrations- und Erlebniswelt Südamerikas mit Europa und vor allem der europäischen Intelligenz der fünfziger und sechziger Jahre verband. Wie fast alle seiner Generation hat auch ihn Sartres Satz der engagierten Literatur erreicht, die Aufforderung und die Hoffnung, durch Literatur Gesellschaft verändern zu können.

Noch heute bekennt sich Llosa zu Sartre, aber nicht dem politischen Sartre, sondern dem Glauben an die bewusstseinsverändernde Kraft von Literatur. Nur dass er sich auf die Seite des Individuums geschlagen hat und die Kollektive mit Misstrauen, ja Furcht betrachtet: Kein anderer hat so ein sicheres Gespür für die Diktatur im Zustand der Verpuppung, für eine humanitätstriefende Rhetorik, in der in Wahrheit sich bereits der Totalitarismus verpuppt. Es sind ja Worte, die die Diktatoren aller Länder und Ideologien, missbrauchen, Worte der Freiheit, Gleichheit und Menschlichkeit. Wenn das so ist, das ist die gedankliche Operation Llosas, können Worte gegen die Worte etwas ausrichten.

Der weite Sinn des Liberalismus

Es ist nicht gut und vielleicht ein historischer Fehler, dass in Deutschland seit einigen Jahren Liberalismus nur mit Wirtschaftsliberalismus assoziiert wird. Dadurch konnte es geschehen, dass die große Tradition des liberalen Gedankens wie der Bewusstseinskern des Kapitalismus selbst wirken konnte. „Diese Sicht der Dinge“, so schreibt Llosa, „ist nicht weniger dumm, als das, was die Marxisten einst gepredigt haben. Die Marxisten erklären alles ökonomisch, und mache Liberale glauben, der Markt könne aller Probleme Herr werden. Aber kein einziger großer Liberaler hat so primitiv argumentiert.“

Literatur ist ein Verfahren der Freiheitsherstellung, so kann man ihn zusammenfassen, weil sie das tut, was jedes Kind kennt, was am Anfang jeder Karriere, jedes Aufstiegs, jeder Selbsterfindung steht: Sie sieht in der Wirklichkeit eine Maschinerie von Lebensmöglichkeiten, von Optionen, nicht von Einschränkungen. „Der richtig verstandene Liberalismus“, schreibt Llosa, „ist eben keine Ideologie, sondern ein offenes, der Selbstkritik verpflichtetes Ideensystem.

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