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Ian McEwans neues Meisterwerk : Mein Held ist der neue Jedermann

  • -Aktualisiert am

Ian McEwan in seinem Haus in London Bild: ASSOCIATED PRESS

Die Inspiration lieferte ihm Angela Merkel, obwohl er ihr gar nicht zuhörte: Ian McEwan hat mit „Solar“ ein neues Meisterwerk geschrieben. Es geht um die Unmöglichkeit, den Planeten vor uns selbst zu retten. Zuhause in London erzählt er, wie es dazu kam.

          10 Min.

          Ohne Angela Merkel gäbe es das Buch womöglich gar nicht. Und vielleicht wird sie dieses auch tatsächlich lesen - zumal die Lektüre deutlich mehr nach dem Geschmack der Physikerin sein dürfte als Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“. Denn Ian McEwans Roman „Solar“, der in der kommenden Woche in deutscher Übersetzung erscheint, ist befeuert von der Liebe zur Wissenschaft und vom Interesse an der menschlichen Natur. Dass beide nicht eben gut wegkommen, liegt am unerbittlichen Realitätssinn des Autors. Trotzdem darf man sich großartig amüsieren - weil dieser sich die Wirklichkeit nie einfach ausmalt, sondern Figuren und Wissen, Fiktion und Fakten originell und betörend zusammenspannt.

          Aber zurück zu Angela Merkel. Als sie im Oktober 2007 als Schirmherrin des Klimawandel-Symposions „A Nobel Cause“ in Potsdam ihre Ansprache hielt, hatte Ian McEwan gerade keinen Knopf für die Synchronübersetzung im Ohr. So konnte er in aller Ruhe den Blick über die versammelte Garde von Wissenschaftlern schweifen lassen, darunter zahlreiche Nobelpreisträger. Zwei Tage lang ging es um die Frage, wie sich der Klimawandel aufhalten und seine schlimmsten Folgen dämpfen lassen. Doch es war während Merkels Rede, dass Ian McEwan plötzlich die Hauptfigur seines nächsten Romans vor sich sah. Ausschlaggebend sei die Erkenntnis gewesen, dass das, was viele dieser Alpha-Männer berühmt gemacht hatte, seit Jahren hinter ihnen lag, ähnlich wie bei Spitzensportlern, erzählt McEwan. Plötzlich wusste er, dass sein nächster Held Nobelpreisträger sein und das Leben im Schatten dieses frühen Triumphs verbringen würde. Und dass der Roman eine Komödie über die menschliche Natur werden sollte.

          Die Vergabe des Physik-Nobelpreises für die Beweisführung des Beard-Einstein-Theorems liegt bereits zwanzig Jahre zurück, als wir Michael Beard in „Solar“ begegnen. Der Londoner ist Anfang fünfzig, seine fünfte Ehe geht gerade in die Brüche (wobei ausnahmsweise nicht er, sondern seine Frau die Betrügerin ist), und ihm dräut, dass er, um seinen Lebensstil zu halten, möglicherweise doch noch einmal etwas wird leisten müssen - aber bitte erst nach einer Tüte Chips. In dieser Hinsicht hat Beard, der recht zufrieden in seiner zunehmend kahlen, zunehmend rundlichen Erscheinung ruht, etwas vom englischen Nationalheiligtum Pu Bär, der bekanntlich auch immer erst mit der Schnauze auf den Boden des Honigtopfs gelangen muss, bevor er sich wohlgemut zu weiteren Abenteuern aufmacht. Wahrscheinlich ist das einer der Gründe, warum man Michael Beard irgendwie mag.

          Zugunsten einer künftigen Welt: Ian McEwan hat einen Roman über den Klimawandel geschrieben. Satirischer Höhepunkt ist eine Arktis-Expedition

          Wobei das mit dem Mögen auch nicht jedermanns Sache ist: In den Vereinigten Staaten hat der Roman fast einhellig missgelaunte Kritiken geerntet, während er in Großbritannien, Kanada und andernorts ebenso einhellig als McEwans jüngste Meisterleistung gefeiert wurde. Der Autor selbst nimmt solche Mentalitätsunterschiede nur entfernt wahr: „Wenn man sich die schlechten Kritiken zu lesen verbietet, muss man sich auch die guten verkneifen, sonst lebt man irgendwann in einer Phantasiewelt.“ Ian McEwan ist mit seinen zweiundsechzig Jahren ohnedies zu klug und zu gut in seinem Metier, um nicht sehr genau um seinen Wert zu wissen. „Ich weiß, was ich von einem Roman will und was ich mit ,Solar' wollte“, sagt er achselzuckend, „und wenn das jemandem nicht gefällt, hat er eben einen anderen Geschmack als ich.“

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