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Ein Star : Die Messe des Thilo Sarrazin

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Skeptischer Blick zurück: Thilo Sarrazin bei der Abreise aus Frankfurt Bild: Daniel Pilar

Thilo Sarrazin in den Hallen. Von fast einem Dutzend Bodyguards umringt, blätterte der Autor von „Deutschland schafft sich ab“ in Werken von Tolstoi und Doris Lessing, gab Autogramme, knipste Erinnerungsfotos und kam dabei rege ins Plaudern. Edo Reents begleitete ihn.

          Am Freitagvormittag fahre ich mit Thilo Sarrazin auf die Buchmesse. Wir treffen uns am Frankfurter Hauptbahnhof. Wird man wie im „Zauberberg“ sagen können: „Tag, du, nun steige nur aus“? Hauptkommissar Voigt vom Berliner LKA, der mit am Bahnsteig steht, macht ein der Lage entsprechendes Gesicht: ein ernstes. Es habe, lässt er durchblicken, „Koordinierungsprobleme“ gegeben – welche, das verrät er nicht.

          Sarrazin soll um 10.41 Uhr eintreffen, aus Dortmund, wo er am Vorabend einen Vortrag gehalten hat, der Veranstalter habe ihn noch als Bundesbankvorstand gebucht, der er ja nun nicht mehr sei. Jetzt braucht er Personenschutz, und zwar nicht zu knapp. Sieben, acht, neun, ja, manchmal auch zehn zumeist breitschultrige, aber doch recht unauffällig aussehende Männer werden gleichzeitig im Einsatz sein; sie werden manchmal nur ganz lose um ihn herumlaufen, ihn dann wieder diskret in ihre Mitte und gewissermaßen in die Zange nehmen, ihn richtiggehend einkreisen, sobald Gefahr droht.

          Verhaltenes Hallo und herzliches Willkommen

          Mit leichter Verspätung fährt der ICE ein. Sarrazin entsteigt der ersten Klasse, über dem hellen Baumwollmantel einen Rucksack. Die Begrüßung fällt ausgesprochen beiläufig aus, Blickkontakt ist vorläufig nicht vorgesehen. Die allermeisten Menschen erkennen ihn sofort. In getrennten Fahrzeugen erreichen wir binnen Minuten das Messegelände und begeben uns, angestarrt von allen Seiten und immer mal wieder aufgehalten von Autogrammjägern, unverzüglich zum DVA-Stand, wo man, angesichts einer gedruckten Auflage von jetzt mehr als einer Million, allen Grund hat, den Gast mit freudigem Respekt willkommen zu heißen. Erst einmal aber bleiben wir am benachbarten Manesse-Stand hängen, wo Sarrazin, nunmehr ohne Mantel und Rucksack, sofort einen Tolstoi aus dem Regal nimmt, „ich hab’ das mal gelesen, mein Gott“, sagt er, den Satz und die Bedeutung dieser Anrufung offenlassend.

          Schwer beschäftigt: Sarrazin am Stand der DVA

          Prüfend nimmt er weiteres in die Hand: Tania Blixen und Joseph Roth, Katherine Mansfield, Thomas Wolfe und Henry James, eigentlich alles, was Rang und Namen hat, der Prachtband der „Odyssee“ liegt besonders gut in der Hand, in dem blättert er lange. Es ist vorläufig nur ein Eindruck, aber er scheint vieles davon auch tatsächlich gelesen zu haben, was man jetzt natürlich nicht nachprüfen kann, man kann ihn hier ja keine Textkenntnisklausur schreiben lassen, so etwas würde sich Angela Merkel auch verbitten.

          „Jetzt wird's 'n bisschen deutscher, nicht?“

          Wir schlendern weiter. Schiller und Fontane kommen in Sicht. „Jetzt wird’s ’n bisschen deutscher, nicht?“, sagt Sarrazin und stößt aus Versehen gegen einen auf dem Fußboden liegenden Pappkarton. „Also ich kenn’“, hebt er an, als wollte er nicht den Eindruck aufkommen lassen, er läse nur Deutsches, „ich kenn’ die Engländer, die Franzosen . . . die Spanier kenn’ ich nicht. Von Henry James hab’ ich fast alles gelesen.“

          In der Tat stammt Thilo Sarrazin aus einem ausgesprochen literaturaffinen Elternhaus. Der Vater hatte erst Germanistik studiert, dann auf Medizin umgesattelt, war der Literatur aber treu geblieben, indem er nämlich selbst Literatur verfasst hat, die Bände „Ahorndekade – Gesammelte Gedichte“ (1993) und „Die gläserne Kugel – Erzählungen“ (1995) von Hans Christian Sarrazin sind antiquarisch noch zu haben. Der Vater lebt sogar noch, sechsundneunzig Jahre alt, und ist der Auffassung, das Tempo, in dem das Buch seines Sohnes seine Auflagen erreicht habe, lasse sich nur mit „Im Westen nichts Neues“ von Remarque vergleichen. „Der hat mein Buch natürlich gelesen, und zwar mit Verstand“, sagt Thilo Sarrazin, und sein Adolf-Tegtmeier-Gesicht mit dem rechten, immer ein wenig zugekniffenen Auge scheint sich dabei nicht recht entscheiden zu können, ob es nun triumphierend aussehen soll oder eher bedauernd, weil man offenbar immer wieder auf Selbstverständliches hinweisen muss. „Politiker lesen ja höchstens Zeitungen.“ Die Zufriedenheit darüber, an einem Ort zu sein, an dem Bücher noch eine gewisse Rolle spielen, ist ihm anzumerken.

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