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Argentinische Literaturlandschaft : Lauter prächtige Bühnen für das Buch

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Einer der schönsten Buchläden weltweit - das „Ateneo” Bild: AFP

In Argentinien gedeiht das literarische Leben in vielen Nischen, ob in der schönsten Buchhandlung oder dank Hunderten von Kleinverlagen: Wie man im Gastland der Buchmesse liest, schreibt und verlegt - und was „Don Quijote“ damit zu tun hat.

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          Früher wurden in dem ehrwürdigen Bau Theaterstücke gespielt und Filme gezeigt. Gardel war da und hat Tango gesungen. Heute haben hier tagaus, tagein 120 000 Bücher ihren Auftritt. Das Theaterkino oder Kinotheater „Grand Splendid“ an der Avenida Santa Fe in Buenos Aires hat eine würdige Aufgabe fürs Alter gefunden. Der Bau von 1919, der zu einem Parkhaus profaniert zu werden drohte, ist zu einem der schönsten Buchläden der Welt geworden. Den Rang macht dem „Ateneo“, wie das Etablissement jetzt heißt, weltweit wohl nur die vor zweihundert Jahren säkularisierte Dominikanerkirche in der niederländischen Stadt Maastricht streitig. Eine Bühne für das Buch.

          Die Argentinier sind ein Lesevolk, so scheint es. Man liest in der „Subte“, der U-Bahn, oder im Bus, in der Schlange vor der Kasse in der Bank, auf der Parkbank im Botanischen Garten, mit einer der zahlreichen dort heimischen Katzen auf dem Schoß, und vor allem in den unzähligen Kaffeehäusern, den „Confiterías“. Das „Ateneo“ hat Besucherzahlen aufzuweisen, die jeden Theaterdirektor vor Neid erblassen lassen: Dreitausend Menschen betreten täglich die heilige Halle, sie nehmen, übers Jahr gerechnet, siebenhunderttausend Bücher mit. Das einstige „Grand Splendid“ ist überdies ein beschaulicher Ort für einen Kaffee zwischendurch, einen Plausch oder ein paar Seiten Buchlektüre: Die einstige Bühne des „Ateneo“ wurde zu einer Confitería umgebaut, die in bläulich gedämpftes Halbdunkel getaucht ist und mit leisen Jazzklängen beschallt wird. Die Ränge im Halbrund des Zuschauerraums sind erhalten geblieben. Sie beherbergen nun die Regale mit den Büchern. Das Parterre ist in der Mitte ausgehöhlt. Wo einst Sitzreihen standen, führt - ein heftiger Stilbruch - eine Rolltreppe in die Tiefe, ins Souterrain zur Kinder- und Jugendliteratur.

          Königin der Buchhandlungen

          Das „Ateneo“ ist die unumstrittene Königin unter den Buchhandlungen in Buenos Aires. Kleinere, oft recht gemütliche Buchläden finden sich über die ganze Stadt verteilt, die Großbuchhandlungen konzentrieren sich an der Avenida Corrientes, der Flanier- und Ausgehmeile, Theater- und Vergnügungszone der Porteños. In den zur Straße hin offenen, unwirtlichen Hallen sind Bestseller, Sonderangebote und Ladenhüter in buntem Durcheinander aufgetürmt, ein Buch für fünf Pesos (ein Euro), drei für zwölf, fünf für fünfzehn.

          Dreitausend Menschen betreten täglich die heilige Halle

          Als erfolgreich gilt ein Buch in Argentinien bereits mit fünftausend verkauften Exemplaren. Immer gelesen werden die heimischen Klassiker Jorge Luis Borges und Julio Cortázar. Bei den internationalen Bestsellern lag zuletzt Stig Larsson mit seiner „Millennium“-Trilogie wochenlang auf den ersten Plätzen, gefolgt von der Chilenin Isabel Allende mit „La Isla bajo el Mar“ (Die Insel unter dem Meer), die in Kürze in deutscher Übersetzung erscheint. Unter den argentinischen Schriftstellern haben es zuletzt Alan Pauls und Guillermo Saccomano auf die vorderen Plätze gebracht. Unübersehbar ist die in immer größerer Zahl aus den Druckmaschinen quellende Flut von politischer Bekenntnis- und Aufarbeitungsliteratur. Nahezu jeden argentinischen Politiker von einigem Format drängt es, zu erläutern, dass er ein politisches Programm hat, obwohl das bislang verborgen geblieben ist, und manch einer fühlt sich bemüßigt, seine Gegner anzuschwärzen.

          Erst Buchmesse, dann Landwirtschaftsausstellung

          Zu dieser Kategorie von Bänden, die meist ebenso schnell im ewigen Ramsch bei den „Bouquinisten“ - auch die gibt es in Buenos Aires: an der Plaza Italia - verschwinden, wie sie in die vorderste Front der Büchertische an der Avenida Corrientes und in den gediegeneren Buchhandlungen geraten, zählen auch die investigativen Arbeiten von Journalisten und Publizisten jeglicher Couleur. Diese Bücher haben schon deshalb eine besonders kurze Halbwertzeit, weil sie sich nur der schnelllebigen Tagespolitik widmen. Hin und wieder wird allerdings auch das eine oder andere zum Klassiker, wie etwa „Enfermos de poder“ (Machtkranke), in dem der Publizist und Arzt Nelson Castro untersucht, welche Auswirkungen der Gesundheitszustand argentinischer Präsidenten auf ihre Amtsführung hatte. Noch etwas haltbarer sind die historisch-politischen Abhandlungen und Analysen. In dieser Rubrik liegt Marcos Aguinis vorn mit „El elogio del Placer“ (Lob der Lust). Er hat in seinem 2001 erschienenen Essay „El atroz encanto de ser argentinos“ (etwa: Das grässliche Vergnügen, Argentinier zu sein) so treffend wie kaum ein anderer die argentinische Psyche beschrieben. Außer Aguinis hat es Felipe Pigna mit „1810“ (das Jahr der Mai-Revolution, in dem Argentiniens Unabhängigkeitsprozess begann) in die vordere Front der vielgelesenen Bücher gebracht.

          Auch Buenos Aires hat eine Buchmesse. Sie findet jedes Jahr Ende April und Anfang Mai auf demselben Gelände statt, auf dem einige Wochen später bei der Landwirtschaftsausstellung die Rinder aus der Pampa aufmarschieren. Allerdings ist sie, anders als das Frankfurter Pendant, vor allem für das Lesepublikum da. Es geht darum, Bücher unters Volk zu bringen. Diesmal war der Umsatz fast zwanzig Prozent höher als im Vorjahr, bei 1,2 Millionen Besuchern.

          Und es gibt sogar eine eigene Kinderbuchmesse. Bücher sind dort für die meisten jungen Besucher allerdings vermutlich das Uninteressanteste an der Veranstaltung, die auch mit Theater- und Marionettenvorführungen, Mal-, Keramik- oder Schminkwerkstätten und Shows aufwartet. Mit dem Animationszirkus sollten die Kinder von Fernsehen, Computerspielen und Internet weg- und zum Buch hingeführt werden. Ein gängiger Einstieg in die Buchwelt ist der Comic, deshalb gab es auch ein eigenes Comic-Festival und Workshops über die Karikatur. Immerhin erinnerte man sich auch wieder an die heuer achtzig Jahre alt gewordene María Elena Walsh, die Schöpferin geistreicher und pfiffiger Kinderbücher und Kinderlieder.

          Kulturelle Tradition des Buches

          Die Verlagsbranche spürt in Argentinien wie überall in der Welt - wenn auch mit leichter Verzögerung - den Vormarsch der elektronischen Textaufbereitung und -vermittlung über E-Book und andere elektronische Lesekrücken. Noch zaghaft machen sich Online-Verlage bemerkbar, die für jedermann leibhaftige Bücher selbst in kleinster Auflage drucken und sogar einen Korrektur- und Lektoratsservice anbieten. Zum Beispiel „La Fábrica de Libros“ (Die Buchfabrik), die als Sonderangebot hundert Exemplare im Pocket-Format für umgerechnet knapp vierhundert Euro produziert.

          In den neoliberalen neunziger Jahren unter dem früheren Präsidenten Menem hat im argentinischen Buchsektor ein Konzentrationsprozess begonnen, der in der Krise von 2001 seinen Höhepunkt erreichte. Die argentinische Verlagslandschaft, in der spanischsprachigen Welt neben der spanischen als führend anerkannt, erholte sich aber rasch, es entstanden zahlreiche kleine neue Verlage. Mit den großen internationalen Riesen wie Bertelsmann oder Planeta konkurrieren rund fünfhundert kleine und mittlere Verlage, die sich in der „Argentinischen Kammer des Buches“ zusammengeschlossen haben. Achtzig Prozent dieser Kleinverlage gibt es erst seit der Krise von 2001.

          Die Hauptstadt Buenos Aires ist schon wegen ihrer kulturellen Tradition die Kapitale des Buches. In Argentinien finden sich aber auch andernorts Nischen, in denen literarisches Erbgut überlebt hat oder wo neues literarisches Leben entsteht. Es sind meist Einzelkämpfer oder kleine Gruppen von Gleichgesinnten, die die erstaunlichsten editorischen Leistungen vollbringen. In Rosario, der drittgrößten Stadt Argentiniens, hat der Germanist, Poet und Übersetzer Héctor Piccoli Gedichte aus allen Epochen der deutschen Literatur ins Spanische übertragen, angefangen beim Minnesang, mit deutlichen Schwerpunkten auf den Barockdichtern und der Zeit der Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert. Kürzlich erst hat er einen zweisprachigen Band mit Gedichten des nach Buenos Aires ausgewanderten deutschen Dichters Paul Zech (1881 bis 1946) vorgelegt.

          Sanfte Gitarrentöne als diskrete Untermalung

          Eine Pionierleistung vollbrachte Piccoli mit der Herausgabe einer revidierten Fassung der spanischen Übersetzung von Sigmund Freuds Gesamtwerk als digitaler Ausgabe auf CD (“Freud total 2.0“). Später folgten der „Cherubinische Wandersmann“ von Angelus Silesius und das OEuvre der spanischen Barockdichter Cervantes und Góngora als digitale Ausgaben auf CD, die man zum Teil auch über das Internet herunterladen kann. Für die mit einer Fülle von Kommentaren, Daten und Illustrationen ausgestattete CD mit dem Gesamtwerk der mexikanischen Barockdichterin Sor Juana Inés de la Cruz erhielt der in Rosario ansässige kleine Verlag Nueva Hélade, der inzwischen auch E-Books produziert, einen Preis von Microsoft und der Complutense-Universität in Madrid.

          Oasen, in denen die Buchkultur gedeiht, finden sich bisweilen in Regionen, in denen man sie nicht im Geringsten vermutet. Etwa in der Provinzstadt Azul, buchstäblich mitten in der Pampa. Dort hat der Jurist Bartolomé Ronco (1881 bis 1952) rund vierhundert Exemplare des „Don Quijote“ von Cervantes zusammengetragen, darunter als Kuriositäten zwei Miniaturbände des Meisterwerks und als Preziose eine Ausgabe von 1697. Dank dieser Sammelleidenschaft wurde Azul 2007 von der Unesco zur „CervantesStadt“ gekürt. Im dortigen Buchladen dröhnt nicht der Lärm gewalttätiger Popmusik, der einen aus so mancher Buchhandlung an der Avenida Corrientes in Buenos Aires fliehen lässt, es erklingen vielmehr sanfte Gitarrentöne. Ein Musiker, der gerade ein neues Instrument erprobt, sorgt für sanfte, diskrete Untermalung. Und der Eigentümer des Ladens ist, wie sich herausstellt, selbst Autor. Er hat ein Buch über die Wolgadeutschen in Argentinien geschrieben.

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