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Argentinische Literaturlandschaft : Lauter prächtige Bühnen für das Buch

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In den neoliberalen neunziger Jahren unter dem früheren Präsidenten Menem hat im argentinischen Buchsektor ein Konzentrationsprozess begonnen, der in der Krise von 2001 seinen Höhepunkt erreichte. Die argentinische Verlagslandschaft, in der spanischsprachigen Welt neben der spanischen als führend anerkannt, erholte sich aber rasch, es entstanden zahlreiche kleine neue Verlage. Mit den großen internationalen Riesen wie Bertelsmann oder Planeta konkurrieren rund fünfhundert kleine und mittlere Verlage, die sich in der „Argentinischen Kammer des Buches“ zusammengeschlossen haben. Achtzig Prozent dieser Kleinverlage gibt es erst seit der Krise von 2001.

Die Hauptstadt Buenos Aires ist schon wegen ihrer kulturellen Tradition die Kapitale des Buches. In Argentinien finden sich aber auch andernorts Nischen, in denen literarisches Erbgut überlebt hat oder wo neues literarisches Leben entsteht. Es sind meist Einzelkämpfer oder kleine Gruppen von Gleichgesinnten, die die erstaunlichsten editorischen Leistungen vollbringen. In Rosario, der drittgrößten Stadt Argentiniens, hat der Germanist, Poet und Übersetzer Héctor Piccoli Gedichte aus allen Epochen der deutschen Literatur ins Spanische übertragen, angefangen beim Minnesang, mit deutlichen Schwerpunkten auf den Barockdichtern und der Zeit der Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert. Kürzlich erst hat er einen zweisprachigen Band mit Gedichten des nach Buenos Aires ausgewanderten deutschen Dichters Paul Zech (1881 bis 1946) vorgelegt.

Sanfte Gitarrentöne als diskrete Untermalung

Eine Pionierleistung vollbrachte Piccoli mit der Herausgabe einer revidierten Fassung der spanischen Übersetzung von Sigmund Freuds Gesamtwerk als digitaler Ausgabe auf CD (“Freud total 2.0“). Später folgten der „Cherubinische Wandersmann“ von Angelus Silesius und das OEuvre der spanischen Barockdichter Cervantes und Góngora als digitale Ausgaben auf CD, die man zum Teil auch über das Internet herunterladen kann. Für die mit einer Fülle von Kommentaren, Daten und Illustrationen ausgestattete CD mit dem Gesamtwerk der mexikanischen Barockdichterin Sor Juana Inés de la Cruz erhielt der in Rosario ansässige kleine Verlag Nueva Hélade, der inzwischen auch E-Books produziert, einen Preis von Microsoft und der Complutense-Universität in Madrid.

Oasen, in denen die Buchkultur gedeiht, finden sich bisweilen in Regionen, in denen man sie nicht im Geringsten vermutet. Etwa in der Provinzstadt Azul, buchstäblich mitten in der Pampa. Dort hat der Jurist Bartolomé Ronco (1881 bis 1952) rund vierhundert Exemplare des „Don Quijote“ von Cervantes zusammengetragen, darunter als Kuriositäten zwei Miniaturbände des Meisterwerks und als Preziose eine Ausgabe von 1697. Dank dieser Sammelleidenschaft wurde Azul 2007 von der Unesco zur „CervantesStadt“ gekürt. Im dortigen Buchladen dröhnt nicht der Lärm gewalttätiger Popmusik, der einen aus so mancher Buchhandlung an der Avenida Corrientes in Buenos Aires fliehen lässt, es erklingen vielmehr sanfte Gitarrentöne. Ein Musiker, der gerade ein neues Instrument erprobt, sorgt für sanfte, diskrete Untermalung. Und der Eigentümer des Ladens ist, wie sich herausstellt, selbst Autor. Er hat ein Buch über die Wolgadeutschen in Argentinien geschrieben.

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