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Argentinische Literaturlandschaft : Lauter prächtige Bühnen für das Buch

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Erst Buchmesse, dann Landwirtschaftsausstellung

Zu dieser Kategorie von Bänden, die meist ebenso schnell im ewigen Ramsch bei den „Bouquinisten“ - auch die gibt es in Buenos Aires: an der Plaza Italia - verschwinden, wie sie in die vorderste Front der Büchertische an der Avenida Corrientes und in den gediegeneren Buchhandlungen geraten, zählen auch die investigativen Arbeiten von Journalisten und Publizisten jeglicher Couleur. Diese Bücher haben schon deshalb eine besonders kurze Halbwertzeit, weil sie sich nur der schnelllebigen Tagespolitik widmen. Hin und wieder wird allerdings auch das eine oder andere zum Klassiker, wie etwa „Enfermos de poder“ (Machtkranke), in dem der Publizist und Arzt Nelson Castro untersucht, welche Auswirkungen der Gesundheitszustand argentinischer Präsidenten auf ihre Amtsführung hatte. Noch etwas haltbarer sind die historisch-politischen Abhandlungen und Analysen. In dieser Rubrik liegt Marcos Aguinis vorn mit „El elogio del Placer“ (Lob der Lust). Er hat in seinem 2001 erschienenen Essay „El atroz encanto de ser argentinos“ (etwa: Das grässliche Vergnügen, Argentinier zu sein) so treffend wie kaum ein anderer die argentinische Psyche beschrieben. Außer Aguinis hat es Felipe Pigna mit „1810“ (das Jahr der Mai-Revolution, in dem Argentiniens Unabhängigkeitsprozess begann) in die vordere Front der vielgelesenen Bücher gebracht.

Auch Buenos Aires hat eine Buchmesse. Sie findet jedes Jahr Ende April und Anfang Mai auf demselben Gelände statt, auf dem einige Wochen später bei der Landwirtschaftsausstellung die Rinder aus der Pampa aufmarschieren. Allerdings ist sie, anders als das Frankfurter Pendant, vor allem für das Lesepublikum da. Es geht darum, Bücher unters Volk zu bringen. Diesmal war der Umsatz fast zwanzig Prozent höher als im Vorjahr, bei 1,2 Millionen Besuchern.

Und es gibt sogar eine eigene Kinderbuchmesse. Bücher sind dort für die meisten jungen Besucher allerdings vermutlich das Uninteressanteste an der Veranstaltung, die auch mit Theater- und Marionettenvorführungen, Mal-, Keramik- oder Schminkwerkstätten und Shows aufwartet. Mit dem Animationszirkus sollten die Kinder von Fernsehen, Computerspielen und Internet weg- und zum Buch hingeführt werden. Ein gängiger Einstieg in die Buchwelt ist der Comic, deshalb gab es auch ein eigenes Comic-Festival und Workshops über die Karikatur. Immerhin erinnerte man sich auch wieder an die heuer achtzig Jahre alt gewordene María Elena Walsh, die Schöpferin geistreicher und pfiffiger Kinderbücher und Kinderlieder.

Kulturelle Tradition des Buches

Die Verlagsbranche spürt in Argentinien wie überall in der Welt - wenn auch mit leichter Verzögerung - den Vormarsch der elektronischen Textaufbereitung und -vermittlung über E-Book und andere elektronische Lesekrücken. Noch zaghaft machen sich Online-Verlage bemerkbar, die für jedermann leibhaftige Bücher selbst in kleinster Auflage drucken und sogar einen Korrektur- und Lektoratsservice anbieten. Zum Beispiel „La Fábrica de Libros“ (Die Buchfabrik), die als Sonderangebot hundert Exemplare im Pocket-Format für umgerechnet knapp vierhundert Euro produziert.

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