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„Keine Tabus“ : Merkel und Xi eröffnen die Buchmesse

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Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht bei der Eröffnungsfeier in Frankfurt Bild: ddp

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Xi Jinping, der stellvertretende Staatspräsident des Gastlandes China, haben die Frankfurter Buchmesse eröffnet. Frau Merkel forderte die Besucher der Messe dazu auf, dem Gastland China mit Neugier zu begegnen. Der Ehrengast müsse sich jedoch auch kritischen Fragen stellen.

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          Bundeskanzlerin Angela Merkel und Xi Jinping, der stellvertretende Staatspräsident Chinas, haben am Dienstag die Frankfurter Buchmesse eröffnet, das mit 7000 Ausstellern aus hundert Ländern größte Treffen der Buchbranche. Dabei forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Besucher der Frankfurter Buchmesse auf, dem Gastland China mit Neugier zu begegnen. Der Ehrengast müsse sich jedoch auch kritischen Fragen stellen. „Es kann - und ich bin mir sicher - es wird keine Tabus in der Diskussion geben“, sagte Merkel bei der Eröffnung der weltgrößten Bücherschau am Dienstagabend in Frankfurt. „Das ist nämlich der Kern der Meinungsfreiheit, für die kaum ein Genre der Kunst so sehr steht wie die Literatur.“

          Veranstaltungen wie die Buchmesse böten „eine wunderbare Gelegenheit, sich ein genaueres Bild von China zu machen“. „Ich fordere alle auf: Seien sie neugierig, haben Sie keine Vorurteile und scheuen Sie sich nicht, Fragen zu stellen“, sagte Merkel beim Festakt zur Eröffnung, an dem neben chinesischen Schriftstellern auch Chinas Vizepräsident Xi Jinping teilnahm.

          Merkel versprach darüber hinaus, sich für den Schutz der Urheberrechte im Internet einzusetzen. Mit Blick auf die zunehmende Digitalisierung von Büchern sagte die Kanzlerin: „Auch das Buch unterliegt den Gesetzen von Angebot und Nachfrage.“ Als Kulturgut sei es jedoch auf bestimmte Rahmenbedingungen wie die Buchpreisbindung und den ermäßigten Umsatzsteuersatz angewiesen. An beidem werde man auch künftig festhalten. E-Books sollen nach Ansicht der Kanzlerin ebenfalls dem Buchpreisbindungsgesetz unterstellt werden.

          Chinas Vizepräsident Xin Jinping bei seiner Rede
          Chinas Vizepräsident Xin Jinping bei seiner Rede : Bild: dpa

          Eklat beim Symposium

          Das Verhalten des Ehrengasts, China, hatte schon im Vorhinein der Messe zu erregten Diskussionen geführt. Kritiker halten China wegen der staatlichen Zensur und der Repressionen gegen missliebige Autoren für noch nicht reif für einen solchen Auftritt.

          Bei einem vorbereitenden Symposion war die Buchmesse unlängst selbst in die Kritik geraten, als sie auf Druck des chinesischen Mitveranstalters zwei regierungskritische Autoren wieder auslud (Autor Bei Ling: „Die Netzbeschmutzer sind unsere wahre Tradition“). Auch wenn die beiden Gäste dann doch kommen und reden durften, wurde über die Meinungsfreiheit auf der Messe debattiert. Buchmessendirektor Boos sagte vor der Eröffnung: „Wir verurteilen die Menschenrechtsverletzungen und Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit in der Volksrepublik China auf das Schärfste.“ Aber er setze darauf, dass ein „Wandel durch Annäherung“ den chinesischen Veränderungsprozess beschleunigen könne.

          Ein Experiment

          Für den chinesischen Staat und das zuständige „Amt für Presse und Publikationen“, die mit fünfzig Autoren und sechshundert weiteren Delegierten nach Frankfurt gekommen sind, ist der Buchmesse-Auftritt ein Experiment. In der Hoffnung auf einen größeren Anteil am internationalen Buchmarkt und auf eine Stärkung der nationalen „Soft Power“ in der Welt wirken sie zum ersten Mal an einer Kulturveranstaltung mit, die sie nicht selbst unter Kontrolle haben. Boos verwies darauf, dass neben den 300 Veranstaltungen des offiziellen Programms der Volksrepublik sich 250 weitere Veranstaltungen auf oft kritische Weise mit China beschäftigen würden.

          Erwartet werden auf der Messe unter anderen der in Paris lebende Literaturnobelpreisträger Gao Xingjian, der Exildichter Yang Lian, die Präsidentin des uigurischen Weltkongresses, Rebiya Kadeer, sowie eine Reihe bekannter Autoren, deren Bücher gerade ins Deutsche übersetzt wurden, wie Yu Hua, Li Er, Mo Yan und Ma Jian. In der Ehrengasthalle hat der Künstler Li Jiwei die vier traditionellen Kulturelemente Papier, Tusche, Schriftzeichen und Buch in eine schwebend leichte Rauminstallation integriert, die das Nicht-Festgelegte, Offene der chinesischen Kultur symbolisieren soll. China stellt seine Präsentation unter das Motto „Tradition und Innovation“. Außerdem veranstaltet es zwei Konferenzen über seine Wirtschaft und sein Verlagswesen.

          Gegen Monopole

          Ein weiteres Thema dieser Messe sind laut Gottfried Honnefelder, dem Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, die Digitalisierung von Büchern und deren rechtliche Bedingungen. „Wir sind für Digitalisierung, aber gegen die Monopolstellung eines privatwirtschaftlichen Unternehmens, das dann darüber bestimmen kann, welche Inhalte öffentlich gemacht werden“, sagte Honnefelder mit Blick auf Google. Er forderte die Bundesregierung ausdrücklich dazu auf, sich für faire Urheberrechtsregelungen im Internet einzusetzen. „Eine Aufweichung des Urheberrechts kritisieren wir in aller Schärfe“, hob Gottfried Honnefelder hervor.

          Bis zum kommenden Sonntag, dem 18. Oktober, wird die Buchmesse mehr als 400.000 Bücher zeigen; an den beiden Tagen am Wochenende wird die Messe zum Abschluss auch für das allgemeine Publikum geöffnet. Wegen der Finanzkrise haben dieses Jahr insbesondere Verleger aus englischsprachigen und osteuropäischen Ländern ihre Standgrößen reduziert; insgesamt wurden zwei Prozent weniger Ausstellungsfläche als im vergangenen Jahr vermietet. Das Zentrum für Literaturagenten, in dem mit Lizenzrechten gehandelt wird, vergrößerte sich dagegen um zwei Prozent.

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