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Heißes Eisen „Makulatur“ : Hans-Olaf Henkel wird geschreddert

  • -Aktualisiert am

Vom stolzen Buch bleibt nur Papiersalat Bild: Lucas Wahl

Abladen, vernichten, pressen, lagern: Ein Riesenschredder macht aus Büchern tonnenweise Toilettenpapier. Wie kommt es dazu? Das Thema „Makulatur“ wird tabuisiert, die Branche hüllt sich in Schweigen.

          Auf einem Hof in Würzburg steht eine Maschine, die Bücher frisst. Ein Arbeiter wirft die verlagsfrischen, noch eingeschweißten Hardcover von einer Transportpalette auf ein Förderband: Am Ende ihrer Reise erkennt man sie nicht wieder. Staub in der Luft, ein Höllenlärm. Wenn der Schredder mit achteinhalbtausend Umdrehungen pro Minute die Bücher zerschlägt, sind Wörter nichts als Schall und Rauch, bis eine Absaugung sie wieder einfängt und eine weitere Maschine sie unter achtzig Tonnen Druck zu siebenhundert Kilo schweren Ballen presst.

          Tausend Taschenbücher oder bis zu achthundert Hardcover passen auf eine Palette, handelt es sich um einen „Harry Potter“, natürlich deutlich weniger. „Unser Schredder ist ein sogenannter Schnellläufer“, sagt Peter Fischer. „Er hat Hämmer, die an einer Eisenwelle hängen und die Bücher gegen ein Sieb schlagen. Es gibt auch Langsamläufer, aber ein Schnellläufer schafft die dreifache Menge. Ein Langsamläufer hat Messer.“

          Ein unglaublich heißes Eisen

          Als Prokurist der Würo Papierverwertung ist Peter Fischer für den Ein- und Verkauf von Altpapier zuständig, sein älterer Bruder Siegfried ist der Geschäftsführer des in dritter Generation geführten Familienunternehmens Karl Fischer & Söhne, zu dem die Würo gehört. Im Schützengraben hinter dem Haus sammelte Siegfried Fischer schon als Fünfjähriger gemeinsam mit seinem Vater Aluminium. „Wenn wir nur Bücher fahren, nimmt unser Schredder acht Paletten pro Stunde, zwischen drei und fünf Tonnen sind gar kein Problem.“

          Nicht alles, was gedruckt wird, wird auch gelesen: neuwertige Bücher auf dem Weg in den Häcksler

          In ihrem Büro im Würzburger Stadtteil Heidingsfeld sitzen die Brüder an einem Tisch, Besuchern schenken die beiden mittelständischen Unternehmer gern mal eine Flasche Williams Christ. „Abladen, vernichten, pressen, lagern“, sagt Peter Fischer. „Die Ballen werden dann von einem Sattelzug in eine Papierfabrik gebracht und in einem sogenannten Pölper aufgelöst. Die Plastikfolie, in der die Bücher eingeschweißt waren, wird abgeschöpft, die Papiermasse wird getrocknet und dann zu Hygiene- und anderem Gebrauchspapier verarbeitet.“ Sie meinen, aus einem Buch wie Clemens Meyers „Die Nacht, die Lichter“, das letztes Jahr mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, wird am Ende Klopapier? „Richtig“, sagt Peter Fischer. „Aber besser so, als einfach nur verbrannt.“

          „Das Thema Makulatur ist ein unglaublich heißes Eisen“, sagt Gernot Wolf, Pressesprecher der Vereinigten Verlagsauslieferung VVA. „Ich muss natürlich erst den Vertrieb fragen, ob das topsecret ist oder ob man darüber reden darf“, so Gudrun Fähndrich von Kiepenheuer & Witsch. „Aber ein Buch von John Banville“, nimmt sie dennoch schon einmal an, „würden wir natürlich nie einstampfen – um nur mal einen Namen zu nennen.“

          Eine Frage der Ehre

          E-Mails an Verlage bleiben unbeantwortet, Karsten Jakuschona, Chef des zur VVA gehörenden Verlegerdienstes München, ist für Journalisten nicht zu sprechen, der Vertriebsleiter der VVA, Horst Rämsch, lässt von einer Sekretärin ausrichten, es gäbe zu dem Thema nichts zu sagen. Die VVA, erklärt Gernot Wolf, habe sich daran schon einmal die Finger verbrannt. „Sie wollen etwas wissen über die Bücher, die wir am Ende nicht verkaufen, aber auch nicht lagern können“, sagt die Leiterin der Presseabteilung des Rowohlt Verlags, Ursula Steffens. „Das kommt zum Glück nicht so häufig vor, wie man vielleicht befürchten muss.“

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