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F.A.Z.-Gespräch : Ist unser Gehirn in Gefahr, Mrs. Wolf?

Maryanne Wolf, wie Burkhard Neie sie sieht Bild: Burkhard Neie

Irgendwann bemerkte die Bildungsforscherin Maryanne Wolf, dass sie nicht mehr so lesen konnte wie früher. Und machte sich den Erhalt der vertieften Lesefähigkeit zur Mission. Eine Gespräch über praktische Wege dorthin.

          Irgendwann bemerkte die Bildungsforscherin Maryanne Wolf, dass sie nicht mehr so lesen konnte wie früher. Und machte sich den Erhalt der vertieften Lesefähigkeit zur Mission. Wir lernen sie auf dem Literaturfestival Mantua als enthusiastische und verbindliche Forscherin kennen.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Neurowissenschaften haben uns viele intuitive Gewissheiten bestätigt und auf eine neue empirische Basis gestellt. Was kann uns neurowissenschaftliche Forschung über das Lesen sagen, was wir bisher nicht wussten?

          Vor allem, dass das Lesen alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist. Das Besondere am Lesen ist, dass der Mensch nie genetisch dazu programmiert wurde, es ist kein natürlicher Prozess. Im Unterschied dazu ist die Sprachfähigkeit programmiert. Das Sprechen ist ein Prozess, der sich nur entfalten muss. Das Lesen verfügt nicht über solche, eine genetische Sequenz. Es ist nicht nur genauso komplex wie Sprache. Es geht in meiner Sichtweise sogar noch über die Sprache hinaus.

          Inwiefern?

          Was wir neurowissenschaftlich bei der geschriebenen Sprache beobachten, ist die erstaunliche Fähigkeit des Gehirns, sich neu zu arrangieren. Das Studium des Lesens zeigt uns, wie sich das Gehirn umbildet und seine Kapazität erweitert, während es Lesen lernt.

          Diese Fähigkeit beruht auf dem Prinzip der Neuroplastizität. Das Gehirn hat selbst im Erwachsenenalter keine feste Form, sondern kann sich ständig umformen. Wie haben wir uns das im Fall des Lesens und Lesenlernens vorzustellen?

          Das Gehirn bildet ständig neue Schaltkreise. Beim Lesenlernen verknüpft es bisher unverbundene Gehirnareale, die genetisch für andere Dinge programmiert sind, für die visuellen, motorischen, konzeptuellen und sprachlichen Prozesse. Es wird so beim Lesen eine völlig neue Struktur gebildet, die unsere intellektuellen Fähigkeiten erweitert. Das ist eine Folge des phylogenetischen Prozesses, es hat sich über Millionen von Jahren entwickelt.

          Wie lässt sich aus der Umbildung der physiologischen Struktur auf einen intellektuellen Zugewinn schließen?

          Der Ausgangspunkt ist die Fähigkeit zur Bildung von Repräsentationen. Wir können Informationen, die wir irgendwann einmal gesehen, gehört oder gefühlt haben, wieder hervorholen. Die Entwicklung dieses Vermögens war ein entscheidender Faktor für unser Überleben. Der dazugehörige Prozess findet im hinteren Teil unseres Gehirns statt. Man muss es sich vorstellen, als würden dort Millionen kleiner Bilder der Objekte aus unserer Umwelt produziert. Daraus können wir Muster bilden.

          Es ist diese Fähigkeit, sich Sinneseindrücke durch Reflexion wieder vor das Auge zu rufen und sie zu benennen, die Herder als das Urvermögen zur Sprache bezeichnete. Das gilt jedoch auch für die gesprochene Sprache.

          Was das Lesen dazu beiträgt, ist mit den Worten des Hirnforschers Stanislas Dehaene das „neuronale Recycling“. Wir haben durch das Lesen unsere Fähigkeit zur Repräsentation von Gegenständen „recycled“, also neu arrangiert, und wir nutzen dies, um Symbole zu repräsentieren. Die Neuronengruppen spezialisieren sich, und der kognitive Prozess beginnt automatisch abzulaufen. Das ist die entscheidende Entwicklung fürs Lesen. Alle Repräsentationen können so automatisiert werden, dass es dem Gehirn möglich wird, sie mit einer derartigen Geschwindigkeit zusammenzusetzen, dass man sie automatisch erkennen, sie mit dem dazugehörigen Laut, dem entsprechenden Wort verbinden kann. Das Wort enthält auch alle damit verbundenen Assoziationen und Bedeutungen. Das Lesen als das Bilden von Bedeutungen kann nicht entstehen, wenn nicht alle vorausgehenden Prozesse automatisch werden. Man hat 100 bis 200 Millisekunden Zeit, um zu verstehen, was ein Wort ist.

          Sie unterscheiden zwischen verschiedenen Lesertypen. Dem Leseanfänger, dem Leseexperten und mehreren Zwischenstufen. Müssen wir Leseexperten sein, um beim Lesen auch denken zu können?

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