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F.A.Z.-Gespräch : Ist unser Gehirn in Gefahr, Mrs. Wolf?

Ja. Lesen heißt nicht nur Informationen aufzunehmen. Das ist notwendig, aber nicht ausreichend, wenn wir Wissen erwerben wollen. Wissen bedeutet auch Einsicht und Interpretationsfähigkeit. Erst der Leseexperte kann diese deduktiven und inferentiellen Möglichkeiten nutzen. Das bedeutet Arbeit. Wir müssen beim Lesen semantische Systeme aktivieren. Wenn man so schnell fortschreitet, dass man diese Bedeutungen nicht mehr aktivieren kann, weil man nur nach Informationen Ausschau hält, verfehlt man einen wichtigen Aspekt des verstehenden Lesens. Ein ideales Gehirn kann dieses Gleichgewicht halten zwischen Effizienz und Vertiefung. Hier fängt das Lesen erst an und wir werden vom Lesen verändert. Wir werden biologisch und emotional reicher.

Sie gehen davon aus, dass das Gehirn des erfahrenen Lesers auch eine größere Gefühlstiefe erreicht?

Ja, wir können die emotionale Ebene nur erreichen, wenn wir über das informationelle Lesen hinausgehen können.

Kann man diese Vorzüge des Lesens nicht auch im Gespräch erreichen?

Es gibt einen einzigartigen Aspekt der geschriebenen Sprache, die sie von der gesprochenen Sprache unterscheidet. Im Heiligtum des Lesens, wie es Proust nannte, können wir bestimmte Gefühle erst riskieren. Wir können uns in einen Tyrannen hineinversetzen, in einen Mörder, wir können Anna Karenina oder Madame Bovary werden. Das Lesen ermöglicht uns diese Identifikation, und wir entdecken Dinge, die wir nie erfahren würden. Es ist ein Repertoire der Menschenkenntnis, ein Königreich der Vorstellungskraft.

Voraussetzung ist, dass wir eine eigenständige symbolische Ordnung bilden können.

Ja. Marcel Proust sagte, es liege im Herzen des Lesens, die Weisheit des Autors hinter uns zu lassen und unsere eigene Wahrheit und Weisheit zu entdecken. Das ist es, was ich deep reading und deep understanding nenne.

Kann man verschiedene Arten des Denkens wie analytisches oder interpretierendes Denken neurowissenschaftlich auseinanderhalten? Kann die Hirnforschung im bildgebenden Verfahren erkennen, wann es zu einem reflektierten Lesen kommt?

Eine schwierige Frage. Einige amerikanische Forscher versuchen gerade, solchen Unterschieden auf die Spur zu kommen. Doch die Forschung ist noch in den Anfängen.

Es gibt eine breite Kritik der Schrift und des Lesens von Sokrates bis Derrida. Die Schrift verfestige die gesprochene Rede. Das Lesen sei ein passiver, eindimensionaler Vorgang im Vergleich zum Gespräch, vieles Lesen schleife die Bedeutungsbildung ab.

Ja, das ist es, was Sokrates sagte. Er hatte so recht und lag gleichzeitig so falsch. Es war nicht das Lesen, das er als Feind betrachtete. Er kritisierte die Illusion, durch das Lesen automatisch etwas zu wissen. Aber wir können unser kulturelles Erbe in einer so komplex gewordenen Welt nicht ohne Schrift und Lesen bewahren. Nach Sokrates kamen Plato und Aristoteles, und da hatten wir schon den Übergang zur vollständigen Schriftlichkeit. Es kann sein, dass wir jetzt wieder den sokratischen Moment haben, dass wir uns in einem entscheidenden Übergang befinden.

Was meinen Sie damit?

Es war wie ein Schock, als ich Sokrates, Plato und Aristoteles in diesem Moment wieder las. Ich sagte mir: Das ist derselbe Moment des Übergangs, den wir heute erleben. Damals war es der Übergang von der gesprochenen zur geschriebenen Sprache. Heute ist es der Übergang von gedruckten zu digitalen Texten, die ein informationelles Lesen und ein anderes Gehirn ausbilden. Ich erkannte, dass ich noch das alte klassische Gehirn bin und meine Kinder schon digitale Gehirne besitzen. Es ist wie ein Generationenbruch, eine Art Fremdheit.

Wie wurde Ihnen das bewusst?

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