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Literaturland China : In Drachenblut gebadet

  • -Aktualisiert am

Ein Polizist untersucht das Buch eines Besuchers von Pekings Tianenmen Bild: AP

Das Milliardenvolk liest wie verrückt. Aber ist Chinas erstaunlicher Buchmarkt trotz Zensur auch fit für den Sprung auf die literarische Weltbühne? Ein Besuch beim Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

          Der erste Punkt geht an die chinesische Zensurbehörde: Wu Shulin, Vizeminister der General Administration of Press and Publication (GAPP), begrüßt die Pressevertreter im stattlichen Pekinger Marmor-Glas-Gebäude mit den Worten: „Es ist schön, Freunde von weit her zu Gast zu haben“, bevor er nachsetzt: „Ich sehe, Sie sind alle sehr schick gekleidet. Ich werde meine Kollegen bitten, es Ihnen gleichzutun - als Geste der Ebenbürtigkeit.“ Daraufhin legen die Beamten Sakkos und Krawatten ab, knöpfen unter Gelächter ihre Hemden auf. Heiliger Konfuzius, noch kein Wort gesagt, und schon ist die europäische Delegation im Rückstand.

          Aber hat das Gängelministerium wirklich gut lachen? Schließlich soll in Chinas Softmoderne eine echte Meinungskontrolle kaum noch möglich sein: Wäre die gefürchtete Green-Dam-Zensursoftware weniger Fanal denn Anzeichen staatlicher Ohnmacht? Oder sind die Freiräume doch kleiner als erhofft? Antworten darauf muss man sich selbst zusammensuchen. Wer Chinesen in China diese Frage stellt, bekommt wunderbar umständliche Antworten, die jede Festlegung vermeiden.

          Vom Staatsverlag zum börsennotierten Unternehmen

          Das Kunststück jedenfalls scheint gelungen, die Enthemmung der Wirtschaft mit der Einparteienherrschaft zu verbinden, vielleicht, weil sich innerhalb der Kommunistischen Partei Flügel gebildet haben, die sich stärker unterscheiden als die großen Parteien mancher Länder. Bei aller westlichen Anmutung aber ist es doch ein einziges System, dessen Nervenbahnen den Landeskörper durchziehen. China bemäntelt das nicht, sondern erklärt damit die Überlegenheit des Drachen-Kapitalismus. Es verwundert in der Tat, dass das Volk ruhig bleibt, obwohl die Kluft zwischen Arm und Reich inzwischen so groß ist wie kaum sonst irgendwo. Auf dem Weg in die Diktatur des Marktes hat sich die Regierung jüngst ein weiteres Reformprogramm auferlegt, das auch in der Kultur die letzten planwirtschaftlichen Rudimente beseitigen soll.

          In der Gapp-Behörde

          Die knapp sechshundert staatlichen chinesischen Verlage werden innerhalb weniger Jahre in börsennotierte Unternehmen verwandelt. Schon jetzt erwirtschaften die das Bestsellergeschäft beherrschenden Privatverlage hohe Gewinne, obwohl sie wegen des ISBN-Monopols der Staatsbetriebe zu „Partnerschaften“ gezwungen sind. Auch der lange geduldeten Piraterie geht es zunehmend an den Kragen: Raubkopien verderben die Dividende. Von der Finanzkrise nur mäßig betroffen, sehen sich derweil staatliche Verbände wie die China Publishing Group weltweit nach angeschlagenen Verlagshäusern um, wie ihr Präsident Li Pengyi stolz mitteilt.

          Immer noch aber besteht ein großes Missverhältnis beim Copyright-Handel: Die chinesische Literatur kommt nicht recht an auf dem Weltmarkt. Allein aus Deutschland werden achtmal mehr Titel importiert, als man dorthin exportiert. Ökonomisch reicht der Verlagsbranche allerdings der enorme heimische Markt, denn Chinesen lesen, was das Zeug hält, stimuliert nicht nur durch bezahlte Rezensionen in Zeitungen (zehn Zeichen kosten die Verlage immerhin einen Euro), sondern vor allem durch Internet-Empfehlungen. Hochklassisches aber ist selten darunter. Der Anbieter Shanda etwa schaltet täglich achttausend lange, von Amateuren verfasste Romane auf seiner Internetseite frei. Zehn Millionen Leser lockt das an - jeden Tag. Einen anhaltenden E-Book-Boom erwartet auch der Vorsitzende der Plattform „Founder“. Den Preis für elektronische Bücher veranschlagt er mit zehn Prozent des Preises der Papierausgabe (der seinerseits nur zehn Prozent hiesiger Buchpreise beträgt): Undenkbar in Deutschland, aber in einem Markt, wo es allein dreihundert Millionen Internetnutzer gibt - samt Smartphone-Nutzern dürfte die Milliarde in naher Zukunft erreicht werden -, rechnet sich das Zwanzig-Cent-Buch eben doch.

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