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Buchmesse-Gastland China : Wir wussten, was kommt, und können viel erdulden

Chinas Auftritt bei der Buchmesse: eine Etappe der „Öffnung” des Landes zur Welt Bild: Helmut Fricke

Selten hat ein Buchmessengast so viele Kontroversen ausgelöst. Welchen Schluss zieht Peking aus den Debatten? Wird die kulturelle Öffnung fortgesetzt?

          Auf Chinas Buchmessenauftritt gibt es zwei Perspektiven. Die eine beschäftigt sich mit Zensur und Propaganda, fragt danach, ob inmitten der massiven Präsenz des Pekinger Staatsapparats und dessen Öffentlichkeitsabteilungen überhaupt etwas von der Wirklichkeit des Gastlandes durchdringen konnte. In dieser Hinsicht sind die schlimmsten Befürchtungen nicht wahr geworden: Die westliche Öffentlichkeit wurde, anders, als manche im Vorhinein argwöhnten, von der chinesischen Propaganda nicht über den Tisch gezogen (man fragt sich jetzt allerdings auch, wie das hätte gehen sollen); sie wurde weder von den Vorteilen des Autoritarismus überzeugt noch in ihren Maßstäben von Meinungsfreiheit aufgeweicht. Regierungskritiker wie Ma Jian aus dem Londoner Exil oder Zhou Qing aus Peking kamen häufig zu Wort, auch auf direkt von der Buchmesse ausgerichteten Veranstaltungen.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Auch die Sorge einer Schwarzweißmalerei hat sich nicht bestätigt. Diskussionen etwa der Böll-Stiftung oder des Goethe-Instituts bildeten einige mit verblüffender Schärfe innerhalb Chinas, auch innerhalb staatlicher Institutionen, geführte Debatten ab. Und selbst in der Kommentierung der Messe kamen Chinesen zu Wort. In einem Internetprojekt der „taz“, das wegen der bezahlten Zusammenarbeit mit der Buchmesse innerhalb der Zeitung umstritten ist, schrieben Pekinger Journalisten anhand einzelner Veranstaltungen bisweilen umwegig, immer aber sehr kritisch über Missstände in ihrem Land.

          Von Anfang an ein paradoxes Konzept

          Man kann die Buchmesse aber auch unter dem denkbar größten Blickwinkel der chinesischen Geschichte betrachten. Dann ist sie eine Etappe der „Öffnung“ des Landes zur Welt, die das Programm nicht bloß der letzten dreißig Jahre Reformpolitik ist, sondern schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts das große Thema der Modernisierungsbewegung vom 4. Mai gewesen war. Als Kaiserreich ruhte China bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein in sich selbst; zu anderen Ländern, denen es Tributleistungen abverlangte, pflegte es Beziehungen, die meistens nicht unfreundlich, aber vom Bewusstsein einer uneinholbaren eigenen Überlegenheit geprägt waren. Dieses Bewusstsein hatte durch die demütigende Konfrontation mit westlichen Mächten einen Knacks bekommen, den es bis heute nicht ganz verwunden hat. Die „Öffnung zur Welt“ war dann von Anfang an ein paradoxes Konzept, da das Lernen vom Ausland im Dienst des Projekts stand, „China zu retten“, wieder groß zu machen. Insofern war es für den chinesischen Staat jetzt ein neuer Schritt, seine Kultur auf einem internationalen Forum vorzustellen, das er nicht selber im Griff hat und das ihm gegenüber überwiegend kritisch eingestellt ist.

          Die Frage ist, welche Schlüsse Peking nun aus den Debatten und Kontroversen der Buchmesse zieht. Ist sie der Ausgangspunkt einer weiteren Öffnung, die realisiert, dass man kulturelle „Soft Power“ in der Welt nicht erringen kann, wenn man Konflikte über sich verdrängt und zensiert? Oder führen die Kontroversen, denen sich China so ungeschützt wie selten ausgesetzt sah, zu einer Verzögerung in der kulturellen Öffnung, womöglich einem Rückzug?

          „Wir wollen zeigen: Wir sind offen zur Weltkultur

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