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Thomas Metzingers neues Buch : Im Ego-Tunnel sind die Lichter an

Bild: Verlag

Was sich in unseren Köpfen abspielt, wird Zug um Zug immer besser bekannt: Der Philosoph Thomas Metzinger nimmt die Einsichten von Hirnforschern und Psychologen zum Ausgangspunkt für eine neue Philosophie des Selbst.

          7 Min.

          Sie lesen gerade die Besprechung eines Buchs, in dem es um eine neurowissenschaftlich informierte Theorie des Bewusstseins geht. Sind Sie sich Ihrer Lektüre bewusst? Eine merkwürdige Frage, werden Sie vielleicht sagen. In gewissem Sinn, natürlich. Schließlich schlafen Sie nicht, und wir wollen annehmen, dass Ihnen im Moment auch nicht jene Form des automatisch fortlaufenden Lesens unterläuft, derer man erst gewahr wird, wenn man aus seiner Unaufmerksamkeit erwacht und bemerkt, den Sinn der gelesenen Sätze gar nicht erfasst zu haben.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Andererseits verfällt man nicht gleich darauf, die Bewusstheit einer solchen Tätigkeit eigens hervorzuheben. Es sei denn, es gilt besondere Umstände zu unterstreichen. Beim Steuern eines Autos auf einer vertrauten Strecke etwa werden die meisten Ihrer damit verknüpften Handlungen ziemlich automatisch ablaufen, ohne Ihrer besonderen Aufmerksamkeit zu bedürfen. Aber es könnte Sinn haben, zu betonen, dass Sie ein bestimmtes neues Plakat ganz bewusst wahrgenommen haben: Sie haben Ihre Aufmerksamkeit darauf gerichtet und können sich an diesen Umstand und seinen Kontext auch erinnern.

          Auf der Spur solcher Betrachtungen unserer alltäglichen Verwendungen des Wortes „bewusst“ ließe sich Bewusstsein als Form der Aufmerksamkeit verstehen: auf Gegenstände oder Abläufe in der Welt genauso wie auf unsere eigenen Wahrnehmungen, Empfindungen und Erinnerungen. Und neurowissenschaftlich wäre dann herauszubekommen, was eigentlich welche Neuronenverbände in unserem Gehirn dabei so alles machen, damit es mit bewussten mentalen Aktivitäten und ihrer Verkettung zu mentalen Geschichten klappt.

          Und hinter allen Simulationen doch noch irgendeine Welt

          Diese neuronale Basis von Bewusstheit – unter Philosophen des Geistes und Hirnforschern als „neural correlate of consciousness“ (NCC) debattiert – hat Thomas Metzinger als Kern einer neurowissenschaftlichen Erforschung des Phänomens Bewusstsein im Blick. Und der in Mainz lehrende Philosoph, bereits eine bekannte Figur auf dem Parkett der Philosophie des Geistes, prognostiziert auch gleich, dass es in den nächsten Jahrzehnten gelingen werde, dieses NCC für einzelne bewusste Aktivitäten genauso wie für Bewusstseinserlebnisse in ihrer Gesamtheit herauszufinden. Was damit an Einsichten zu erwarten und wie es konzeptuell zu fassen ist, soll der theoretische Rahmen vor Augen führen, den er mit seiner „Philosophie des Selbst“ entwirft.

          Dass er dabei denkbar grundsätzlich vorgeht, machen gleich zu Beginn die Fragen klar, die der Autor beantworten will: „Weshalb gibt es immer jemanden, der das Erlebnis hat? Wer ist es, der Ihre Gefühle fühlt, wer genau ist es, der Ihre Träume träumt? Wer ist der Handelnde, der das Tun tut, was ist die Entität, die ihre eigenen Gedanken denkt? Warum ist Ihre bewusste Wirklichkeit Ihre bewusste Wirklichkeit?“

          Worauf man gleich die Gegenfragen stellen möchte: Gibt es denn ein „Erlebnis“, das niemand hat? Wer sollte meine Gedanken denken und meine Gefühle fühlen als eben ich? Und wessen Wirklichkeit sollte meine Wirklichkeit – was immer damit genauer gemeint sein soll – denn sein? Aber Metzinger möchte eben, Grammatik hin oder her, noch weiter hinunter, zu einer tieferliegenden Beschreibungsweise auf der Ebene neuronaler Netzwerke.

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