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Martin Seel: Theorien : Der Mann mit dem ziselierten Schießeisen

Bild: Verlag

Martin Seel betreibt mit seinem neuen Werk „Theorien“ aphoristisches Philosophieren. Vorbild seines Denkens ist die Improvisation beim Jazz. Ist er dadurch zum schnellen Shooty geworden, oder hat das Ganze Substanz?

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          Da steht er, der philosophische Held. Er ist einsam, denn er stört. Oder genauer gesagt, sein Denken stört: „Das Überlegen stört den Lauf der Dinge, wie er wäre, wenn das Überlegen nicht wäre“, schreibt Martin Seel. Das scheint profan, denn auch die Existenz von etwas beliebig anderem störte ja den Lauf der Dinge, der je anders ausfällt, wenn dieses andere nicht existiert. Doch die entscheidende Differenz liegt im Irrealis. Ein Leben ohne Überlegen ist Fiktion, zumindest wenn wir vom menschlichen Leben sprechen. Und Philosophie ist immer Reden vom menschlichen Leben – auch wenn sie von Peter Singer oder anderen Denkern betrieben wird, die die Tierwelt gegen den Menschen verteidigen. Konsequentes Handeln aus freiem Entschluss, das ist, was den Menschen ausmacht. Damit sind die beiden großen Fragen auf dem Tisch: Ethik und Ästhetik.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Martin Seel ist einer von den Denkern, die auch in der Form eine Antwort auf diese Fragen suchen. Der fünfundfünfzigjährige Frankfurter Philosoph hat stets sowohl ein Publikum außerhalb der akademischen Welt im Blick gehabt als auch Gegenstände abseits der gängigen philosophischen Praxis analysiert. Sein Bezugspunkt ist weniger die Tradition des Faches; anstelle immer neuer Auslegung klassischer Texte betreibt Seel die philosophische Ausdeutung der Lebenswelt. Die lediglich drei Denker, die in seinem neuen Buch „Theorien“ namentlich genannt werden, sind ihm darin vorausgegangen: Kierkegaard, Nietzsche und Wittgenstein. Aber noch bezeichnender für Seels Methode ist, wen er sonst als seine Bezugspunkte nennt: überwiegend Künstler, Jasper Johns, Tolstoi, Philip Roth, On Kawara, Jim Jarmusch – und vor allem die Jazzmusiker wie Miles Davis, Archie Shep, Lester Young, John Coltrane. Und als Höhepunkt eine Bluessängerin, der spät im Buch eine pathetische Liebeserklärung gemacht wird: „Ich kann es heute schon sagen: Das Letzte, was ich gehört haben werde, werden die Songs der göttlichen Bettie Smith sein, und hätte ich denn die Wahl, als allerletzter ihr ,Easy Come, Easy Go Blues‘.“ Futur 2 statt Irrealis. Im Lauf der Dinge, die Martin Seel als Handelnder statt als Denker bestimmt, gibt es da kein Überlegen.

          Das Versprechen aller Drogen

          Solches Handeln ist das Kennzeichen von Selbstbestimmung, wie sie auch eine Gruppe von Menschen auszeichnet, die es nur als Fiktion gibt: Westernhelden. Im gleichzeitig mit „Theorien“ erschienenen jährlichen Sonderheft der Zeitschrift „Merkur“, das sich diesmal dem Heldengedenken widmet, hat Seel diesen Figuren der Filmgeschichte einen Essay gewidmet, der von Ethan Edwards aus John Fords „The Searchers“ von 1956 ausgeht. Das ist keine originelle Wahl – wen hätte man sonst im Kopf, wenn nicht John Wayne, sobald von Western gesprochen wird? Doch Seels tiefes Interesse an Edwards, dem „sich selbst unerklärlich werdenden Helden“, klärt die Bedingungen für sein „Theorien“-Buch.

          Denn gegen das Bemühen, alles zu erklären, setzt Seel das, was er im Western-Essay „das Rollenschema des tatkräftigen Allesvollbringers“ nennt – „allerdings auf eine oft zwielichtige, verdüsterte, verzerrte und verrätselte Weise“. Das Aphorismenbuch ist zwar erkennbar an Elias Canetti geschult in den Arrangements von Themenblöcken und dem Tonfall der Ausführungen. Doch es ist auch entscheidend anders, weil wichtiger noch als dieses Vorbild das Prinzip des Jazz ist, die Improvisation. „Meine Sätze sind nichts als Bruchstücke, aber sie kommen zusammen“, heißt es gleich im zweiten der insgesamt 517 Aphorismen.

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