https://www.faz.net/-gb7-141zh

Hans Küng: „Was ich glaube“ : Alles Hinterwäldlerische ist diesem Bergführer fremd

  • -Aktualisiert am

Bild: Piper Verlag

Mit Führer, Seil und Haken hinauf zum Gipfel einer ganzheitlichen Weltsicht: Hans Küng bietet sich als sehr persönlicher, versöhnlicher und nicht ganz uneitler Bergführer bei der ambitionierten Transzendentalkletterei an.

          4 Min.

          Hans Küng, der emeritierte Tübinger Ordinarius für ökumenische Theologie, stammt aus der Schweiz. Dies mag seine Vorliebe für hohe Berge und den weiten Blick ins Tal erklären. Sinnsuchende in aller Welt lädt er nun zu einer „spannenden geistigen Bergtour“ ein: „in langsamem Bergsteigertritt geduldig bergauf, mit leichteren und mit gefährlichen Passagen, leider ohne Ruhepause bei Berghütten, aber immer klar das Ziel vor Augen, das vom Gipfel her winkt: eine ganzheitliche Weltsicht“.

          Den „harmlosen theologischen Spaziergang auf flachem Land“ verabscheut der professorale Bergführer ebenso wie die moderne Mode, „mit einem theologischen Helikopter vom Himmel her“ einzufliegen. Er will „unten im Tal des Alltags“ losgehen, dann durchs Vorgebirge ins Hochgebirge gelangen und hier zu einer gefährlichen Steilwand aufsteigen, die sich nur mit Führer, Seil und Haken bewältigen lässt. Hat man dank Küngs „Wegmarkierungen“ „nun die Steilwand zur transzendenten, transempirischen, unbedingten Wirklichkeit durchstiegen, können wir uns hoffentlich schwindelfrei umsehen, etwas Atem holen und innere Kraft schöpfen für den weiteren Weg“.

          Im Dienst großer Aufgaben

          Allerdings eröffnen sich hier nun „verschiedene Wege zum Gipfel“, jüdische und hinduistische, christliche und buddhistische. Desto wichtiger ist es, dem Bergführer zu folgen, der in langen Forscherjahren all diese Wege schon einmal erkundet und bis zum 80. Geburtstag „regelmäßig alpinen Skisport praktiziert“ hat. Seien wir wagemutig und wandern mit! Denn auf dem Gipfel des „ganzheitlichen Sehens“ darf man Hans Küngs „ganz individuelle Religion des Herzens“, seine „unverstellte persönliche Lebensphilosophie“ und „Spiritualität“ schauen. Wer in der Transzendenzkletterei ganz hoch hinaus will, steigert freilich auch die Absturzrisiken.

          Der Aufstieg beginnt im Tal mit elementaren Beschreibungen von Ur- und Grundvertrauen. Lebensvertrauen sei für ein gelingendes Leben besser als ein prinzipielles Misstrauen gegen Mensch, Welt und Leben überhaupt. Doch soll man Bergführern trauen, die fortwährend von sich und ihren ganz großen Leistungen erzählen? Gewiss, Küng gehört zur „Group of Eminent Persons“, die Kofi Annan einst berief, und durfte im November 2001 vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen reden. Auch hat er „ein starkes Lebensvertrauen“ mitbekommen, und so redet er trotz des Wissens um mancherlei Schwächen und Widersprüche gern von seinem „starken Selbstbewusstsein“. Er hält sein „starkes Ich“ wohl für eine besonders orientierungskräftige „Wegmarke“, um sich in schwierigem Gelände nicht zu verirren. Freilich schlägt er bald einen Zickzackkurs ein. Einerseits lobt er sich als einen überaus weltkundigen Gottesgelehrten, der viel aufgeklärter, liberaler und toleranter als seine Zunftgenossen sei. „Alles Absurde – Unaufgeklärte, Infantile, Hinterwäldlerische, Reaktionäre – ist mir fremd.“ „Ich weiß, dass ich im Dienst großer Aufgaben stehe, die meine ganze Kraft beanspruchen.“ Von Professor Joseph Ratzinger, einem seinerseits erfolgreichen konkurrierenden Gipfelstürmer mit entschieden traditionalistischer Tourenplanung, unterscheide ihn, „bei aller persönlichen Hochschätzung“, „bis heute grundlegend die Beurteilung der Kulturrevolution der 68er und ihrer Forderungen“ nach „Emanzipation, Zwanglosigkeit, Autonomie und Selbstverwirklichung“.

          Kulturkritischer Rundumschlag

          Küng, der die „nachkonziliare Restauration“ bekämpft, konnte 1968 „viel Wahres und Gutes“ entdecken. Andererseits macht er sich die kulturpessimistische Sicht der Gegenwartsmoderne zu eigen, die Benedikt XVI. gegen die „Diktatur des Relativismus“ kämpfen lässt. In „unserer oft irren wirren Zeit“ mangele es an „Orientierungswissen“, „klaren Koordinaten und Zielpunkten“. Im „geistigen Beliebigkeitspluralismus“ der Gegenwart fehle es an sittlichen Maßstäben und allseits akzeptierten Werten. Der „Werteverlust in der säkularisierenden europäischen Moderne“, einer „Periode des Vergessens elementarer Normen“, habe zu „moralischer Verwahrlosung“ geführt. Auch sei die „institutionalisierte Religion in die Krise geraten“.

          Die aktuelle Weltwirtschaftskrise hat Küng, wie er mehrfach betont, schon seit über einem Jahrzehnt vorausgesehen und in einigen Büchern „angekündigt“. Der globalisierte Raubtier-Kapitalismus habe die „weltweit wahrgenommene Sinnkrise“ und „Orientierungskrise“ beschleunigt. Hier in der Krisentalsohle trifft Hans Küng viele böse Menschen, „kriegslüsterne Politiker, geldgierige Manager, machthungrige Gewerkschaftsfunktionäre, ruhmsüchtige Wissenschaftler, skrupellose Mediziner und heuchlerische Kleriker“. Sie leben in „autistischer Selbstbezogenheit“, geben sich „unbeherrschter Profitgier“ hin und missverstehen Freiheit individualistsch als „subjektive Willkür“. Küngs Kulturkritik scheint nichts auslassen zu wollen. „In manchen Medien wird ein dekadenter Exhibitionismus propagiert und Perverses in der Sexualität als völlig ,normale Unterhaltungsware‘ präsentiert.“ Und natürlich sind auch Eltern und Lehrer schuld. Die „Kulturrevolution von 1968“ habe eine „tiefgreifende Krise“ der „Erziehungsstile, Erziehungsmethoden und Erziehungspersonen“ bewirkt. Hat Ratzinger mit seiner Kritik doch recht?

          Die Perspektive des Holisten

          Die Haken in der Steilwand sind die Bücher, die Hans Küng mit großem Markterfolg geschrieben hat. Andauernd weist der Bergführer darauf hin, dass er dies und jenes schon hier und da intensiv durchdacht und dank „überhaupt strenger Arbeitsdisziplin“ fleißig niedergeschrieben habe. Auf gut 300 Seiten weist er an 50 Stellen auf eigene Werke, Vorträge und Filme hin, gern mit dem Selbstlob, dies sei „eine einfühlsame Untersuchung“ gewesen und jene Rede dank „vierjähriger Arbeit“ „gut vorbereitet“. Oft baut Küng Passagen aus alten Büchern ins neue Werk ein. So wirkt es wie ein „The best of Hans Küng“-Album mit den beliebten Oldies aus seiner „Kampf- und Leidensgeschichte“. Rom habe ihn mundtot machen wollen. Doch habe er viele „Menschen guten Willens“ für seine Sicht der Weltendinge gewinnen und „als Autor (drafter) der Weltethoserklärung“ Unesco und UNO überzeugen können, dass die Weltpolitik eines neuen moralischen Fundaments bedarf, das nur im Dialog der Religionen gelegt werden kann.

          „Mein Vorteil war, dass ich schon zwei Jahrzehnte zuvor die ethische Grundlagenproblematik durchgedacht hatte; sonst wäre ich an dieser geistig höchst anspruchsvollen Aufgabe gescheitert, die von mir faktisch die Umstellung meines nächsten Semesterplans erforderte.“ Es mag der globalen Gerechtigkeit dienen, dass Klaus Wowereit den Weltethosarchitekten dafür später mit der Otto-Hahn-Friedensmedaille ehrte. Denn bis in die kompliziertesten Themen der Theologie hinein entwickelt Küng sein Denken „aus interkultureller Sensibilität“. So ist seine Deutung von Jesu „Lebensmodell“ wirklich ein „ganz neues Paradigma“.

          Selbst am Ende der langen Lesestrecke bleibt Entscheidendes unklar. Auch der höchste Gipfel religiöser Sinnschau ist nur der partikulare Sehepunkt eines allemal endlichen Subjekts, bestimmt durch unaufhebbare Perspektivität. Küng will kein Ideologe sein. Aber er operiert mit einem der ideologischsten Begriffe der modernen Religionsgeschichte: der „Ganzheitlichkeit“. Sie steht jedoch, auch wenn sie noch so entschieden reklamiert wird, niemandem zu Gebote, auch einem weltberühmten Gottsucher nicht, der den „Sinn des Ganzen, des Ganzen unseres Lebens und Sterbens, des Ganzen unserer Welt“ „ganzheitlich erspüren“ zu können meint.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Israelische Polizisten bei einer Demonstration am 12. Mai in Lod

          Ausschreitungen in Israel : „Es geht ihnen nicht um Koexistenz“

          Nach den Unruhen in Jerusalem ist die Gewalt in vielen gemischten Orten in Israel eskaliert. Besonders schlimm war es in Lod, einer Achtzigtausend-Einwohner-Stadt, in der jeder Dritte einen arabischen Hintergrund hat.
          Streitobjekt in der Klimadebatte: Lufthansa-Flugzeug landet in Frankfurt.

          Klimadebatte : Der Zug ist im Inland günstiger als der Flug

          Keine Inlandsflüge und keine Billigtickets mehr – mit diesen Forderungen wird Fliegen zum Wahlkampfthema. Dabei gibt es innerdeutsch schon jetzt fast keine Schnäppchen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.