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Charles Taylor: Ein säkulares Zeitalter : Im Glanz des noch nie Dagewesenen

Bild: Suhrkamp

Ein monumentales Werk, so dick wie die Bibel oder der Koran: Charles Taylor erzählt die Geschichte der Säkularisierung und stellt sich der Spannung zwischen religiöser Tradition und ihrer Reform.

          6 Min.

          Es war einmal eine Zeit, da gab es die Möglichkeit des Unglaubens nicht, jedenfalls nicht für die Massen des Volkes. Die Leute lebten in einem religiös verfassten Gemeinwesen ohne säkulare Option. Man muss diesen Befund nur einen Moment lang auf sich wirken lassen, um die Faszination zu verstehen, die er bei Charles Taylor auslöst. Wie, so fragt der kanadische Sozialphilosoph in seinem neuen Buch, haben sich die Bedingungen für Gläubige und Ungläubige durch die Entstehung der säkularen Option verändert? Wie verändern sich die Formen religiöser Erfahrung, wenn es sich auch ohne Gott gut leben lässt?

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Unter dem ausholenden Titel „Ein säkulares Zeitalter“ umkreist Taylor diese Fragen anhand eines reichhaltigen geistes- und kulturgeschichtlichen Materials, im Ganzen mehr erzählend als argumentierend. Er selbst bittet den Leser im Vorwort, sein Buch „nicht als fortlaufende, argumentativ durchgestaltete Erzählung aufzufassen, sondern als eine Reihe ineinander verschränkter Essays, die einander erhellen und einen Kontext wechselseitiger Relevanz bilden“. Kein Wunder, wenn in diesem monumentalen Werk viele Fäden lose hängen bleiben, wie der Erfurter Soziologe Hans Joas feststellte, als er Taylors Thesen nach Erscheinen des amerikanischen Originals unlängst in der „Deutschen Zeitschrift für Philosophie“ diskutierte.

          Metaphysische Leidenschaftslosigkeit

          Um das Jahr 1500 herum wäre der Atheismus-Bus, der neulich durch Europa kurvte, auf der Höhe der Zeit gewesen. Aber im Jahre 2009? „Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Nun hör auf, dir Sorgen zu machen und genieße dein Leben“, stand weithin sichtbar auf dem Geisterbus. Das provokativ gemeinte Bekenntnis juckte nur wenige. Das Spektakel blieb aus. Es stellt keine gesellschaftliche Abweichung dar, wenn man an einen Gott glaubt oder nicht glaubt. Es gibt diesbezüglich keine bürgerliche Erwartung. Es ist dieser metaphysisch leidenschaftslose Raum, den Charles Taylor als Resonanzraum seines Buches aufmacht.

          Er erzählt darin die allmähliche Entkörperlichung Gottes („Dekarnation“) vom Mittelalter bis heute, verarbeitet eine Vielfalt religiöser Erfahrungsformen in Anlehnung an die Phänomenologie von William James und lässt durch einen dramaturgischen Kunstgriff den Leser mit einer veränderten Sicht zurück. Es gelingt dem Autor nämlich, dem Säkularisierungsvorgang die Aura des Selbstverständlichen, des notwendigerweise Aufgeklärten und Vernünftigen zu nehmen.

          Wir leben nur rein zufällig nicht im Mittelalter, sagt Taylor. Und plötzlich bedarf es wieder einer Erklärung, warum jemand glaubt oder nicht glaubt. Diese Zumutung ist eine Bereicherung. Sie reißt die Gottesidee aus den Akademien und politischen Diskussionen heraus, in denen das Thema des Glaubens stets nur als gekoppeltes auftritt: Glaube und Gewalt, Glaube und Menschenrechte, Glaube und Hirnforschung, Glaube und Gesundheit. Der eigentliche Glaubensakt, die Frage, was Glauben denn für eine Sorte Überzeugung ist, wie er entsteht und wieder vergeht – das bleibt in der Regel ungeklärt, wenn von der neuen politischen Brisanz der Religion die Rede ist. Gott unterliegt nicht seinen Leugnern, er versandet im öffentlichen Debattenzirkus.

          Atheismus in Erklärungsnot

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