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Buchmesse : Schluss mit Champagner

  • -Aktualisiert am

Beim Empfang des Berlin Verlags im Frankfurter Hof mussten die Gäste in diesem Jahr erstmals für ihre Getränke zahlen Bild: Marcus Kaufhold

Das Schönste an der Frankfurter Buchmesse sind für viele die Partys. Dieses Jahr aber ist alles anders: Statt Lachs und Sekt gibt es Brezeln und Apfelwein, Joachim Unseld hat sogar einen Türsteher engagiert.

          Die Hiobsbotschaften haben schnell und schon lange vor Beginn der diesjährigen Frankfurter Buchmesse die Runde gemacht: Weder der „Feinschmecker“ noch der Bertelsmann-Konzern werden diesmal zum Empfang bitten, auch Droemer hat keine Einladungen verschickt, das Piper-Café im „Frankfurter Hof“ ist geschlossen, und nicht einmal die Stehparty von Diogenes soll stattfinden. „Angesichts der Finanzkrise ist das jetzt wohl nicht die richtige Zeit für solche Empfänge“, seufzt Ruth Geiger. Außerdem rechne sich das Kosten-Nutzen-Verhältnis derartiger Veranstaltungen „in keiner Weise“, fügt sie streng hinzu. Ganz so, als sei sie nicht die Pressechefin, sondern die Controllerin des Diogenes-Verlags.

          Eine „traurige Messe“ also, findet Claudia Hanssen vom Haus Bertelsmann. Sie zitiert die Nachfragen entgeisterter Autoren, Agenten, Buchhändler und Journalisten aus aller Welt, die nicht wahrhaben wollen, dass an den verlässlich überbordend gedeckten Tafeln der großen Verlagshäuser in diesem Jahr nur Schonkost aufgetischt werden soll: magere Schnittchen und karge Häppchen vielleicht, wie zum Abgesang auf bessere Zeiten, und statt Champagner und Prosecco nur ein gutes Buch aus der laufenden Überproduktion.

          Bilder von Nahrungsmitteln an die Wand projizieren

          Und weil falsche Nachrichten rasch die größte Verbreitung finden, stand bald überall zu lesen, das Buchmessen-Opening des Berlin Verlags sei auf maximal zwei Stunden limitiert (“Um Mitternacht ist Schluss“), und der Rowohlt Verlag wolle sich allen Ernstes auf „Getränke-Ausschank“ beschränken. Dazu würden, behauptete ein Satiriker, Bilder von Nahrungsmitteln an die Wand projiziert. Und man dürfe sich die Einschenkgeräusche verschiedener Alkoholika gern als Klingelton herunterladen, „kostenlos“ natürlich und unter Budgetaspekten eine echte Attraktion. „Nichts da“, wettert dagegen Carsten Sommerfeldt vom Berlin Verlag, „um Mitternacht ist bei uns noch nie Schluss gewesen, und anfangen tun wir seit Jahren schon um zehn, das hat Tradition.“

          Für ausgewählte Besucher wurden Gutscheine ausgegeben

          Auch Regina Steinicke vom Rowohlt Verlag fühlt sich falsch verstanden. Selbstverständlich finde die Rowohlt-Party auch 2009 wieder wie gewohnt in den repräsentativen Räumen der Schirn statt, an einem der schönsten Orte - für diese Zwecke. Und es werde, ergänzt sie mit Nachdruck, nicht bloß Bier, Wein und Prosecco ausgeschenkt. Sondern den 600 bis 800 geladenen Gästen auch „Fingerfood“ an die Tische gebracht.

          Marcel Hartges wird den DJ machen

          Es gibt sie also noch, die liebenswerten kleinen Dinge am Rande der Bücherschau, und in diesen kummervollen Zeiten werden sie dankbar zur Kenntnis genommen, umschwärmt und gern imitiert. Kostenfrei natürlich. Denn die unbezahlbaren Ideen für originelle Events, mit denen sich auf einer bücherstaubtrockenen Messe nachhaltig Eindruck schinden lässt, sind selten geworden.

          Im vergangenen Jahr zum Beispiel hatte der Dumont-Verlag auf seiner Party die Gäste zum Tanzen aufgefordert. Tanzen - wo doch alle angeblich Kontakte knüpfen, miteinander reden und Geschäfte machen müssen? Die Sache wurde ein richtiger Erfolg - wenn auch erst, nachdem eine namentlich bekannte französische Verlegerin sich entkleidet und das Parkett leergewalzt hatte. Sogar der damalige Verlagsleiter Marcel Hartges fand das toll.

          Linsensuppe und Frankfurter Würstchen

          Hartges ist inzwischen zum Piper-Verlag nach München gewechselt. Sein Partykonzept nahm er mit und übertrug es flugs auf den Piper-Empfang der Buchmesse 2009. So dass dort, am Donnerstag im „Velvet Club“, nun ebenfalls getanzt wird, mit Rücksicht auf den Jugendschutz aber erst nach 21 Uhr und gegen Vorlage der persönlichen Einladung. Unangemeldete Begleitpersonen, versichert Pressefrau Eva Brenndörfer, würden nur in Ausnahmefällen eingelassen. Die Attraktion des Abends ist jedoch Hartges selbst. Eine Stunde lang wird er eigenhändig den DJ machen. Die witzigen Redakteure von „Titanic“ gestatten den Zutritt zu ihrer Messe-Party, so schreiben sie auf der Einladung, wohlweislich nur in geordneter Kleidung.

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